Hans Magnus Enzensberger versteht die Welt nicht mehr

Über Hans Magnus Enzensbergers Geschichtsphilosophie und seine Rolle in der intellektuellen Öffentlichkeit

Schon ungewöhnlich lange enthält sich Hans Magnus Enzensberger eines Kommentars zum aktuellen politischen und intellektuellen Geschehen. Woran das liegen mag - darüber läßt sich nur spekulieren. Es bietet aber Anlaß zum Nachdenken über den gegenwärtigen Zustand der deutschen intellektuellen Öffentlichkeit, wenn sich der luzideste Kopf unter den deutschen Schriftstellern ausgerechnet jetzt aus der Debatte ausblendet und die Bilanz von drei Jahren Krieg in Europa Kulturmystikern wie Peter Handke überläßt.

Man wüßte doch gerne, was Enzensberger zweieinhalb Jahre nach Erscheinen seines Essays "Aussichten auf den Bürgerkrieg" über die Weltlage denkt. Damals diagnostizierte er einen globalen "Bürgerkrieg" aller gegen alle - einen Krieg, der nicht mehr aus ideologischen Motiven, sondern aus einem irrationalen Drang zur Zerstörung um der Zerstörung willen geführt werde. Enzensberger verabschiedete bei dieser Gelegenheit den Universalismus als einen Ausdruck säkularisierter christlicher Heilserwartung und als die "letzte Zuflucht des Eurozentrismus". Die Vorstellung, der Westen könne den Krieg in Bosnien beenden, sei einer universalistischen Allmachtsphantasie geschuldet. "Bevor wir den verfeindeten Bosniern in den Arm fallen, müssen wir den Bürgerkrieg im eigenen Land austrocknen", schrieb er in seinem Essay. Und in einem Interview in der taz dekretierte er, in bezug auf die dortige Zivilbevölkerung, Ende 1993: "Es fällt solchen Menschen schwer zu begreifen, daß sie nicht das Zentrum des Interesses der ganzen Welt sind; daß der jugoslawische Krieg einer von vielen ist. (. . .) Die Menschheit als Ganzes ist keine Hilfsorganisation. Das ist moralisch fatal, aber es ist ein politisches Faktum."

Anzeige

Das klang in vielen Ohren furchtbar nüchtern und schonungslos realistisch - nur war es von vorne bis hinten falsch. Zumindest für die westliche Welt ist Bosnien, spätestens seit der Katastrophe von Srebrenica, zu einem dramatischen Wendepunkt geworden. In seiner Haltung gegenüber dem ethnischen Vernichtungs- und Vertreibungskrieg mußte sich erweisen, ob der Westen fähig und bereit ist, seine zivilisatorischen Grundlagen in der Mitte des europäischen Kontinents zu verteidigen. Der Krieg konnte schließlich zum Stillstand gebracht werden, als sich die Vereinigten Staaten - allzu spät - zum Einsatz massiver militärischer Mittel entschlossen. Mit dem darauf folgenden schnellen Durchbruch bei den Friedensverhandlungen von Dayton blamierte die amerikanische Diplomatie die jahrelange Hinhaltetaktik der Europäischen Union. Jetzt bemüht sich ein großes multilaterales Truppenaufgebot darum, die Einhaltung des fragilen Friedensabkommens zu sichern. Daß dem Krieg in Bosnien nicht schon 1993 ein Riegel vorgeschoben wurde, lag am fehlenden politischen Willen des Westens und nicht, wie Enzensberger es sich zurechtgelegt hatte, an einer nie dagewesenen weltweiten Explosion von Atavismus, gegenüber der man nur ratlos die Schultern zucken könne.

Enzensbergers aufwendige theoretische Begründung fürs Nichtstun hat sich als heiße Luft erwiesen. Erstaunlicherweise scheint ihm dies aber kaum jemand übelzunehmen. Oder auch nicht erstaunlicherweise: Denn Enzensberger artikulierte mit seinen apokalyptischen Visionen die Stimmungslage einer deutschen Öffentlichkeit, die fest entschlossen war, sich durch das bosnische Desaster nicht aus der trügerischen Ruhe bringen zu lassen. Daß Enzensberger die ebenso dramatische wie absurde Behauptung aufstellte, auch in unserem Lande schwele bereits ein "molekularer Bürgerkrieg", widerspricht dieser Feststellung nur scheinbar. Die Forderung, man müsse sich zuerst um diesen imaginären "Bürgerkrieg" kümmern, bevor man etwas gegen die ganz realen Schlächtereien im nahen Ausland unternehmen dürfe, gab ein willkommenes Alibi für den Fatalismus ab, mit dem die hiesige Öffentlichkeit, und mit ihr die große Mehrheit der Intellektuellen, die Massaker an Abertausenden von Zivilisten hinnahm.

Seinem Ansehen als mutiger Tabubrecher hat Enzensbergers intellektuelles und moralisches Blackout aber nicht geschadet. Obwohl sein "Bürgerkrieg"-Buch von apriorischen Behauptungen und Schlußfolgerungen strotzt, die den Anschein der Unwiderlegbarkeit erwecken, hält ihn alle Welt nach wie vor für einen offenen, originellen Denker, der sich nicht irgendwelchen vorgefertigten Sichtweisen anschließt und der sich nie zu vorschnellen Meinungsäußerungen hinreißen läßt. Dieses Image genießt Enzensberger bei Bewunderern wie bei Gegnern. Für die einen beweist seine angebliche Fähigkeit, die aporetischen Widersprüche der Realität auszuhalten, ohne mit der Wimper zu zucken, seine einsame Größe als unbestechlicher, undogmatischer Geist. Für die anderen gilt Enzensbergers programmatische Ambivalenz als Ausdruck einer windigen Anpassung an den jeweils herrschenden Zeitgeist.

Doch bei genauerem Hinsehen erkennt man, daß der scheinbar so wetterwendische Denker seit Jahrzehnten mit einem Kernbestand aus einigen festen Grundüberzeugungen auskommt, die er mit großem Geschick auf die jeweils wechselnden politischen Konstellationen anzuwenden versteht.

Service