Dieter Hildebrandt über das Wetter und die Medien
Der Deutsche Wetterdienst hat soeben ein neues Wort erfunden und es auch gleich in aller Öffentlichkeit verbreitet: "Wetter-GAU". GAU wie größter anzunehmender Unfall. Oder, wie es vermutlich die Meteorologen buchstabieren: ganz außerordentliche Unwetter. Mit dem Wetter-GAU war nun allerdings nicht unser hiesiger verregneter Juli gemeint, sondern die außer Rand und Ufer geratene Natur südlich der Alpen, die überfluteten Dörfer und schwimmenden Straßen, die Erdrutsche und bröckelnden Häuser. Aber das Wort ist nun einmal gefallen: Wetter-GAU. Wir werden in Zukunft mit ihm rechnen müssen.
Für viele von uns mag es auch in die Stimmung dieser letzten Wochen passen, zu den unablässig heranziehenden düsteren Wolken, zu einem Sommer, der vielerorten die Schwimmbäder dicht und die Bademeister überflüssig macht, die Freilichtaufführungen absaufen läßt, die Volksfeste verhagelt, die Strandkörbe leer fegt und der Schlagzeilen zeugt wie diese: "Sommer versinkt in reißenden Fluten".
Aber als hätten wir nicht schon genug Ärger am eigenen Leib, mit nassen Schuhen und Hosenrändern, konnten wir nun allabendlich in den Fernsehnachrichten erleben, wie die Katastrophenmeldungen fast genüßlich auf uns losgelassen wurden, wie das Wetter für den nächsten Tag als halber Weltuntergang beschworen wurde und die Computersimulation zum schicksalsschweren Menetekel geriet. Wie da geradezu lustvoll mit Windstärken und mit Sturmfluten gedroht wurde.
Wenn zum Beispiel das ZDF zu Beginn einer "heute"-Sendung uns Wassermassen aus einem italienischen Dorf direkt auf den Abendbrottisch schwappen und dazu Geröllmassen hereinbröckeln läßt, dann kombiniert sich das mit dem Wolkenbruch direkt vor der eigenen Tür zu einem deprimierenden Gesamtergebnis. Wenn der Hurrikan Bertha, wie eben in diesen Tagen, uns so nahe wie möglich gebracht wird, obwohl er 4000 Kilometer weit weg wütet, hat auch das frische Lüftchen hierzulande gleich eine andere Gefahrendimension.
Wie hat sich doch jüngst erst der freundliche Uwe Wesp, der Meteorologe mit der Fliege, gewunden, weil ihn die Sturmböen der Stärke zwölf, die er am Vortag auch für unsere Breiten ominös vorausgesagt hatte, im Stich ließen und er uns nur einen mäßig frischen Wind und ein paar mickrige Ostseewellen präsentieren konnte. Nicht die Brandung, sondern sein medienmeteorologischer Impetus riß ihn mit, als er zusammenfaßte: "Ja, das sind die Bilder von heute." Irgendwie mit der Betonung von: So grausam kann Natur sein. Nein: So kindisch kann ein Wetterbericht sein.
Anders gesagt: Das Wetter spielt verrückt, aber die Medien spielen verrückter. Der Juli bisher war schlimm, aber schlimmer sind die, die ihn als Jahrhundertflop, ja als Desaster vermarkten. Am liebsten mit der Steigerung: Schau, Schauer, Schauder. Apocalypse now. Der naßkalte, trübe Sommer wird zur Sensationsware hochgeputscht. Die Meteorologen haben einen neuen Beruf an sich entdeckt: den der Mißstimmungskanonen. Sie haben sich ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter zugelegt, und sie scheinen von Gesichten geplagt, die denen von Schicksalsgöttern ähneln.
- Datum 19.07.1996 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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