Tod der elektronischen Zeitung!

Das Internet ist ein tolles neues Medium - und quält doch sein Publikum mit uralten journalistischen Zöpfen. Eine Anstachelung (für die Publikation im Netz verändert und erweitert vom Autor)

Das Internet blüht. Wohin man blickt, schießen elektronische Publikationen aus dem Boden und locken die Netzbewohner an. Eingesessene Verlage wetteifern um die modernste Erscheinung auf dem Computerschirm, und wer vor drei Monaten noch an einfache Layout-Lösungen glaubte, erwacht heute schweißgebadet: Wenn er seine Angebote nicht auch in die eleganten neuen frames kleidet, wird bald kein Mensch mehr etwas von ihm wissen wollen.

Das bunte Bild verhüllt jedoch, was wirklich ist. Womöglich schießen all diese Angebote nur ins Kraut - Frucht oder Ernte ist kaum irgendwo abzusehen. Die Budgets der Netzanbieter bleiben vor allem im deutschen Sprachraum gering im Verhältnis zu dem, was das traditionelle Geschäft umwälzt. Wer auf explosionsartige Zunahme der Online-Werbung hofft, sieht sich schnell ohne Hosen dastehen. (Warum? Dazu ein paar Gedanken im Hintergrund.)

Anzeige

So fühlen sich selbst Pioniere des neuen Mediums genötigt, erst einmal die erreichte Position zu sichern und nicht noch mehr Geld in Experimente zu stecken. Man munkelt gar von Abbau. Wir wissen ja nicht einmal, wie viele Menschen übers Internet zu erreichen sind. (Studien dazu gibt es mehr als genug, aber welcher glauben?)

Es ist traurig, daß auch dieses neue Medium nicht rasch und ohne Mühe heranwachsen kann. Man sähe es lieber, medienpolitisch sozusagen, daß die Online-Branche so bald als möglich zu einer dritten Kraft in der Medienwelt erstarkt, um die miteinander ringenden Giganten Print und Elektronik, Zeitung und Fernsehen, aus ihrer Verklammerung zu lösen.

Jeder der beiden will dem anderen ja ständig beweisen, für alle Zwecke das bessere Medium zu sein; käme einmal ein dritter hinzu, würden sich die Rollen vielleicht genauer definieren, würde sich jeder eher in ein Eck zurückziehen, wo er nicht zu schlagen ist.

Nun ist die Medienlandschaft bereits gequetscht voll. Die Online-Angebote werden zum dritten Spieler womöglich nur werden können, wenn sie sich von Anfang an auf die eigenen Stärken besinnen.

  • Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle (c) DIE ZEIT 1996
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Online-Werbung | Medien | Internet
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service