Die Ergebnisse des 1. Internet-Literaturpreis
Unter anderem mußte die Frage geklärt werden: Sind Computer böseböse?
Kaum hatten die ZEIT und IBM den ersten Internet-Literaturpreis der Welt ausgeschrieben, tönte ihnen aus dem Netz ein schallendes Hohngelächter entgegen: Die angegebenen Mengenbegrenzungen für einreichbare Beiträge seien lachhaft, und daß die gestandenen LiteraturkritikerInnen der Jury in der Mehrzahl von Computern keine Ahnung hätten, lasse Schlimmstes befürchten. Das mit der Ahnungslosigkeit stimmte. Ratlos stand man vor Teilnehmerfragen wie: "60 KB gepackt oder ungepackt?" Man rettete sich in die Neugierde - und in die Hoffnung, daß die zwei Welten sich, wenn spätestens bei der Jurysitzung Material und Prüfer aufeinanderprallten, doch etwas zu sagen hätten.
Die Fragen, die der Wettbewerb stellte, waren auch zu spannend: Ist das internationale Datennetz mit seinen Programmen und Benutzeroberflächen zweckzuentfremden als Mittel zur Kunst? Kann es die Mittel der Kunst erweitern?
Anders: Ist die Welt der Computer notwendig kulturzerstörend und weltverblödend - oder kann sie, während sie manchen verblöden mag, andere inspirieren? Letztendlich ging es um die Beantwortung der ängstlichen Feuilletonfrage: Sind Computer böseböse?
Die Jury hat getagt. Und gesehen, daß es gut war.
Als man sich beriet, hatten sich manche Teilnehmer längst zu einer kleinen Netzfamilie zusammengefunden und online mit einer Publikumsabstimmung über zwanzig im Internet veröffentlichte Beiträge begonnen. Die Jury nahm es gerührt zu Kenntnis - konfrontiert mit einer ungewohnt lässigen Atmosphäre netztypischer Kuscheligkeit. Und rasch ergeben in die Einsicht, daß sich Wettbewerbsteilnehmer auf der Datenautobahn schneller organisieren (und gemeinsam lauter über Juroren kichern), als man sich Regeln für sie ausdenken könnte. Die Diskussion über diesen Wettbewerb hatte sich in rasendem Tempo an unzählige Orte verteilt. Die Aktivisten Olaf Koch und Burks werden allen Besuchern des Literaturwettbewerb-Gästebuchs der ZEIT unvergeßlich bleiben.
Das Internet, lernten die Feuilletonisten, hat etwas sehr Dörfliches, vielleicht eher Stadtteilzentrumhaftes, manchmal Jugendzentrumartiges. Das dafür weltweit.
Unter den 185 Beiträgen gab es manch hartgekochte Science-fiction-Story und manchen gelungenen literarischen Text, der sich darauf beschränkte, mit eingebauten "Links" (markierten Textstellen, die man mit der Maus anklickt, um ganz anderswo zu landen) im Text beliebig hin und her zu springen. Es gab Gedichte auf buntem Hintergrund der Computer als Styling-Helfer. Es gab minimalistisch-dadaistische Texte, in denen es sich computeranimiert bewegte - Sand bröselte, Zugluft wehte.
Verweht. Den größten Anklang fanden bei der Jury Beiträge, die aus ihren Links mehr als Fußnoten und Querverweise machten, bei denen man mit der Maus in immer neuen, überraschenden Ebenen herumfuhrwerken konnte, fast in der Hoffnung, endgültig den Überblick zu verlieren und auf ewig in einem Text verlorenzugehen. "Hypertext" heißt das Verfahren. Perfektioniert, wäre es Arno Schmidts Zettels Alptraum im Elektronik-Kasten.
Der Diskurs über Literatur im Internet hat diese Erkenntnisse längst überholt. Wo man wild und gefährlich denkt, gilt das Internet selbst als das größte Kunstwerk, das Surren in den Drähten als süßestmöglicher Laut. Es geht auch eine Nummer kleiner (und weniger windig). Im nächsten Jahr vielleicht beim nächsten Wettbewerb.
Die Preisträger des 1. Internet-Literaturwettbewerbs sind:
1. Preis Martina Kieninger
2. Preis Laurens Beck
3. Preis Olaf Trunschke
4. Preis Ulf Reips
Sonderpreis Sven Stillich
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- Datum 19.07.1996 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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