Adenauers Griff nach der Atombombe

von Wolfgang Zank

Der hohe Gast und seine Gastgeber vermieden jedes Aufsehen. Maurice Faure, Staatssekretär im französischen Außenministerium, wurde nach einem ersten Gespräch in Bonn gleich nach Rhöndorf weitergeleitet.

Dort, in der Privatvilla von Bundeskanzler Konrad Adenauer, begann am 16. November 1957 um 17 Uhr eine ungewöhnliche Besprechung.

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Außer Adenauer und Faure nahmen nur Bundesaußenminister Heinrich von Brentano, Staatssekretär Walter Hallstein und der französische Botschafter Maurice Couve de Murville teil.

Faure eröffnete seinem Gastgeber, daß am Vortag in Paris eine Kabinettssitzung mit beschränkter Mitgliederzahl abgehalten worden sei. Premierminister Félix Gaillard habe Faure gebeten, gleich nach Bonn zu fahren, um mit der Bundesregierung die Probleme zu besprechen, "die sich infolge der jüngsten technischen Erfindungen Rußlands ergäben", wie es im Protokoll hieß. Wie Adenauer nur zu gut wußte, hatte die Sowjetunion im Monat zuvor ihren ersten Satelliten Sputnik ins All geschossen und damit klargestellt, daß sowjetische Raketen von nun an auch die USA erreichen konnten.

Bonner und Pariser Politiker wurden seitdem von der Vorstellung geplagt, die Amerikaner könnten vor sowjetischen Pressionen weich werden. Adenauer war völlig einig mit Faure, als dieser erklärte, Europa sei daher "in Zukunft mehr auf sich selbst angewiesen".

Faure berichtete weiter, der italienische Verteidigungsminister Taviani sei in Paris gewesen und habe "sein volles Einverständnis für die Aufstellung eines gemeinsamen Programmes für die militärische Forschung und Fabrikation erklärt" er sei auch über Faures Reise nach Bonn informiert. Es ging also um dieses Gemeinschaftsprojekt.

Der Franzose sprach Adenauer aus dem Herzen, als er ausführte, "man könne nicht hinnehmen, daß nur die Vereinigten Staaten und Großbritannien über Kernwaffen und Raketen mit Atomsprengköpfen verfügen". Und als Bundesaußenminister von Brentano betonte, "es müsse darauf bestanden werden, daß die europäischen Staaten auch Raketen und Kernwaffen zu ihrer Verfügung erhalten", fügte der Bundeskanzler hinzu: "Wir müssen sie produzieren." Faure fragte zur Sicherheit noch einmal nach, "ob Deutschland die Herstellung der Atomwaffen in die gemeinsamen Anstrengungen einbeziehen wolle.

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