Als Adenauer und Mollet im November 1956 das EWG-Projekt flottmachten, hatten sie gleichzeitig eine intensivere sicherheitspolitische Zusammenarbeit vereinbart. Schon am 18. Januar 1957, also noch vor den Römischen Verträgen, konnten Verteidigungsminister Strauß und sein Kollege Jacques Chaban-Delmas eine Rahmenvereinbarung unterzeichnen. Zu diesem Zweck trafen sich die beiden diskreterweise in der Wüste, im algerischen Colomb-Béchar. Geplant wurden gemeinsame Rüstungsprojekte in der Raketen- und Nukleartechnik. Frankreich hatte sich zwar im Prinzip schon zum Bau einer eigenen Atombombe entschlossen, war damit aber noch nicht weit gekommen. Wenn man nicht, wie Großbritannien, Zugang zu den technischen Erkenntnissen der Amerikaner bekam, waren Atombomben nämlich sehr teuer, eigentlich zu teuer für Frankreich, aber da konnte eben die finanzstarke Bundesrepublik einspringen.

Adenauer war auf dem Weg zu deutschen Atombomben einen wichtigen Schritt vorangekommen. Er machte sich allerdings keine Illusion darüber, daß der weitere Weg dornig sein würde. Mittlerweile hatten die Amerikaner eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr gefordert.

Bei Umfragen waren 67 Prozent der Bundesbürger dagegen. Als Adenauer die Öffentlichkeit zu beschwichtigen suchte, taktische Atomwaffen seien "nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie", provozierte er damit nur Fragen nach seinem Geisteszustand. "Glauben Sie mir", sagte er im Mai vor dem CDU-Bundesvorstand, "die Angst vor der Atombombe ist etwas Emotionales, und dieses Emotionalen Herr zu werden, nachdem das deutsche Volk diesen letzten Krieg hat über sich ergehen lassen müssen, wird sehr schwer sein."

Da im September 1957 Bundestagswahlen anstanden, war noch nicht die Zeit für größere Beschlüsse zur atomaren Aufrüstung. Deshalb einigte sich Adenauer im Mai mit dem amerikanischen Außenminister John Foster Dulles auf einen Stufenplan: Bis zum September sollte über deutsche Atomwaffen möglichst gar nichts nach außen dringen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit vielmehr systematisch auf die Londoner Abrüstungskonferenz gelenkt werden. Diese sollte sich tunlichst bis in den Herbst hinziehen. Nach ihrem zu erwartenden Scheitern und der dann überstandenen Bundestagswahl könne die Bundesregierung ihre Haltung zur nuklearen Rüstung auch öffentlich revidieren. Diese taktischen Finessen machen aber deutlich, daß sich Adenauer wegen des Widerstandes der deutschen Öffentlichkeit zu sehr vorsichtigem Vorgehen gezwungen sah.

Die Wahlen im September verliefen programmgemäß zugunsten Adenauers.

Im Oktober 1957 schickte die Sowjetunion ihren Sputnik in den Orbit, und am 16. November schlug Staatssekretär Faure in Rhöndorf vor, die Bombenproduktion anlaufen zu lassen. Drei Tage später trafen sich die Verteidigungsminister Strauß und Chaban-Delmas in Paris, um Nägel mit Köpfen zu machen. Offiziell sollte nur von einer deutschen Beteiligung an einem "europäischen Institut für Flugkörper" die Rede sein. Chaban-Delmas stellte klar, daß Bonn selbstverständlich beim Bombenbau mitmachen könne. Der Produktionsverzicht in den Pariser Verträgen gelte ausdrücklich nur für die Fabrikation auf eigenem Territorium, aber das gemeinsame Projekt solle ja schließlich in Frankreich ablaufen.

Eine Woche später unterzeichneten die Verteidigungsminister der Bundesrepublik, Frankreichs und Italiens ein erstes Geheimprotokoll, im Januar 1958 setzten sie ein gemeinsames Direktionskomitee ein, und im Februar einigten sie sich auf den Bau einer Isotopentrennanlage in Pierrelatte. Frankreich und die Bundesrepublik sollten je 45 Prozent bezahlen, Italien zehn Prozent beisteuern. Im März folgte noch ein Abkommen zur Gründung eines Instituts für Raketenforschung.