Mit den Ohren lesen
Sie liest. Ich fahre. "Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr." 150 Kilometer flaches Land bis Hannover, nicht viel zu sehen außer Ausfahrtsschildern. Da kommt Thieshope. "Was sollte man einem solchen Manne schreiben, der sich offenbar verrannt hatte." Jetzt Soltau. ",Bin ich gut zugedeckt?` fragte der Vater noch einmal und schien auf die Antwort besonders aufzupassen."
Eben Walsrode. "In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr", liest sie, schließt das Buch und stellt fest, daß wir drei - sie und ich und Franz Kafka - an Hannover schon vorbei sind.
"Im Auto vorgelesen" hat Geschichte, ignoriert Radio ffn und N-Joy und Magic und Energy, verströmt etwas von dem angenehmen Gefühl, gefragt zu werden, ob man denn etwas trinken oder essen möchte, Wittenseer, Wurstbrot, Nüsse oder Haribo Weinland, welch schöner Klang. Doch nicht immer ist dem anderen danach, vorzulesen, nicht immer fährt man zu zweit, Hamburg-Hannover bleibt eine Herausforderung.
Zeit für Ulrich Wildgruber, für Bernhard Minetti, für Gert Westphal, für Barbara Nüsse - Hörbuchzeit, Hörspielzeit. Kurzweil im Auto - so weit die Werbeeinschaltung.
Im Vertrauen: In unserem Auto würden sich die Schauspielstimmen der Nation schwertun. Das Rauschen des Fahrtwindes, das Brummen des Motors gegen das getragene Atemlose Wildgrubers, gegen das beiläufig Bedeutende Minettis - bei Franz Kafkas Erzählungen müßte man ohnehin auf den Parkplatz ausscheren und sich Minettis "Gregoor"-Betonung in Ruhe anhören. Außerdem, der Rhythmus der Sprache Kafkas ist mit der Bewegung eines Volkswagens nicht synchronisierbar.
- Datum 26.07.1996 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 31/1996
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