Amerika und seine Präsidenten - eine Bilanz von Nixon bis Clinton
Fast ein Vierteljahrhundert berichtete Ulrich Schiller für die ZEIT aus Washington. Nun zieht er Bilanz
Washington - Wenn ich aus Bill Clintons Amerika zurückblicke, fällt mir zuerst Ronald Reagan ein. Er beansprucht einen wichtigen Platz in meiner politischen Erinnerung nicht deshalb, weil er unter den sechs Präsidenten der einzige war, der eine zweite Amtszeit vollendet hat; schon gar nicht, weil ich ihn besonders gemocht hätte. Im Gegenteil. Das Pathos seines Patriotismus, seine triefende Amerikaschwärmerei, seine missionarische Lyrik und sein romantisierendes Geschichtsbild waren mir stets zuwider, bisweilen unerträglich - was gewiß mehr mit meiner deutschen Jugenderfahrung zu tun hat als mit Amerika. Das ändert aber nichts daran, daß dieser Präsident, den auf tragische Weise jetzt die Alzheimer-Krankheit in eine andere Welt entführt, im vergangenen Vierteljahrhundert den stärksten Schatten auf die Vereinigten Staaten geworfen hat.
Um Ronald Reagan kreist die Debatte: Who killed communism? - wer hat den Kommunismus zur Strecke gebracht? Auf ihn beruft sich die "konservative Revolution", die Clinton in den ersten Regierungsjahren weitgehend ihre eigene innenpolitische Agenda aufgezwungen hat; er ist der Kronzeuge jener Republikaner, die den Kongreß 1994 mit Newt Gingrich und den Parolen gegen Staat und Steuern erobert haben. Auf Reagans Außenpolitik in der Spätphase des Kalten Krieges - die militärische Aufrüstung mit einer ideologischen Offensive verband - greifen seine politischen Erben zurück, weil es Robert Dole im Wahlkampf um das Präsidentenamt an einer eigenen Vision mangelt. "Wohlmeinende Welthegemonie" (benevolent global hegemony) heißt die Vision bei William Kristol, dem führenden Theoretiker der Republikanischen Partei.
Von Nixon bis Clinton war Reagan der "amerikanischste" aller Präsidenten. Kein anderer war wie er erfüllt vom amerikanischen Exzeptionalismus: Amerika ist anders. In Reagans Deutung heißt das: the shining city on the hill, die große Brache, die Gott freigehalten hat bis zur Bestellung durch die Besten - mit segensreich fortzeugender Wirkung für die gesamte Menschheit. "I am proud to be an American!" - Wer sonst könnte das so unbefangen und unschuldig sagen? Ronald Reagan verkörpert, was der Historiker Richard Hofstadter einmal so beschrieb: "Es ist unser Schicksal als Nation, nicht eine Ideologie zu haben, sondern eine zu sein." Ronald Reagan war so sehr Amerika, er war so populär, daß der Kongreß gar nicht daran denken mochte, wegen der Iran-Contra-Affäre, des größten politischen Skandals nach Watergate, ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn zu eröffnen.
Schon Mitte der siebziger Jahre waren Reagan und seine Freunde überzeugt, daß die Zeit reif sei für einen Präsidenten, der Amerika aufrichtet und aufrüstet. Was die damalige Lage der heutigen vergleichbar macht, ist eine Identitätskrise. Ursache waren damals der Watergate-Skandal und das "Vietnam-Syndrom". Heute ist es die Unsicherheit über den Platz der verbliebenen Supermacht in der neuen, multipolaren Welt. Was ist ihre Rolle? Was kann sie und was will sie leisten ohne die Herausforderung des Kalten Krieges? Gibt es einen inneren Zusammenhalt ohne das einigende Feindbild? Was bedeutet für den Durchschnittsamerikaner der permanente Konflikt zwischen der Sehnsucht nach dem "guten alten Amerika" und den Zwängen technologischen Fortschritts sowie globaler Integration? Die Crux besteht darin, daß der Durchschnittsamerikaner immer weniger weiß von dem, was um ihn herum geschieht, weil er immer oberflächlicher informiert wird und immer weniger informiert werden will.
Es waren aufwühlende Zeiten. Im Juli 1973 kam ich mit meiner Familie in Washington an. Watergate hatte bereits den Vietnamkrieg aus den Schlagzeilen verdrängt. Deep Throat war kein Porno, sondern eine Quelle der Washington Post. Sie half, bis dahin unvorstellbaren Machtmißbrauch im Weißen Haus zu enthüllen. Konnte man glauben, was da behauptet wurde? Längst ging es nicht mehr um den Einbruch im Hauptquartier der Demokraten, der zur Sicherung von Richard Nixons Wiederwahl 1972 verübt worden war. Es ging um die Verteidigung der amerikanischen Verfassung. Das demokratische System mit seinen checks and balances war gefährdet, bedroht vom Präsidenten und seiner Kamarilla.
Tonbänder aus dem Oval Office belegten es. Belegten Nixons Intrigen, seine Paranoia, seine obszönen Flüche, die Meineide seiner Berater. Gemeinsam gingen im Kongreß Demokraten und Republikaner ans Werk, um die Verschwörung offenzulegen. Exekutive und Legislative rangen unerbittlich miteinander. Fragen von ungeheuerlicher Dimension waren aufgeworfen worden: Muß gegen Nixon das Amtsenthebungsverfahren eröffnet werden? Nur wenige wußten, wie das zu bewerkstelligen sei. Wie würden Moskau und Peking auf eine Paralyse in Washington reagieren? Und hatten vielleicht jene recht, welche die Vorzüge parlamentarischer Demokratien in Europa priesen, weil es dort leichter sei, einen pflichtvergessenen Leader loszuwerden?
- Datum 26.07.1996 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




