Das Hardwaremuseum (XI): Sinclair Z88

Alles was ein Fetisch braucht

Der Sinclair Z88 stieg 1988 aus dem Himmel herab, in dem die göttlichen Designs alle wohnen, und ging mit mir eine Fetisch-Beziehung ein. Wir tasteten uns auf einer Büromaschinenmesse ab; Monate später zog ihn ein Händler in einer Tiefgarage aus einem Kofferraum; so erwirbt man Dinge, denen sich andere Vertriebswege versagen.

Der Z88 ist schwarz und flach, kleiner als ein Blatt Briefpapier und gerade so dick, wie ein Finger breit ist. Er wiegt nur 900 Gramm, bis heute unvergleichlich, und läuft mit Batterien. Im unteren Teil ist er von einer schwarzen, weichen Gummimatte überzogen. Ihre Noppen tragen Buchstabenzeichen, es ist die Tastatur.

Ein halbes Buch würde nicht ausreichen, die Bizarrerien dieser Maschine zu beschreiben. Man konnte im Dunkeln erraten, daß sie dem Hirn eines Daniel Düsentrieb entsprungen war; dem des genialen Wirrkopfs und Unternehmensgründers Sir Clive Sinclair in Cambridge, England.

Die Flüssigkristallanzeige, acht Zeilen mal achtzig Zeichen, gab bei guter Beleuchtung das Nötige preis. An Programmen hatte das Gerät in einem Festspeicher alles an Bord, was der Mensch so braucht, für Texte, Rechnungen, Termine.

In der Grundversion, mit 32 Kilobyte Hauptspeicher, fanden kaum vier oder fünf eigene Werke Platz. So stopfte man am besten gleich beim Kauf die Erweiterungsplätze voll, einen davon mit dem Sinclairschen EPROM-Speicher, der sich einmal beschreiben, aber nicht mehr löschen ließ, außer in der speziellen Zusatzbox unter der Ultraviolettlaterne. Der Erfinder sagte sich, daß man dergestalt ohne Disketten oder ähnlich konventionellen Kram zur Datensicherung auskam.

Es ging so. Durch fahrlässige Handhabung vermochte sich der Z88 in esoterische Wahnzustände zu versteigen; nach einem "Soft Reset" fand er noch die Dateien in seinem Speicher wieder, durch einen "Hard Reset" konnte er alles vergessen, sogar wie spät es ist. Die fahrlässige Handhabung bestand etwa in einem zu langsamen Wechsel leergelaufener Batterien oder in dem Versehen, dem eingebauten Universalprogramm "Pipedream" Texte von mehr als 300 Zeilen aufzuladen.

So ging unsere Beziehung hin und her. Mal studierte ich in britischen Computermagazinen, wie man die Rettung aus dem Wahn mittels angewandter Hieroglyphen hinbekam, mal blieb der Z88 für Monate in der Lade - und wurde unversehens wieder zum ständigen Begleiter ins Büro und ins Bett. Er verließ mich eines Tages, weil er in jener Reisetasche übernachten wollte, die dann gestohlen wurde.

Weil der Z88 nicht von der Sorte ist, der man Untreue verübeln kann, wollte ich noch einmal einen besitzen. Die Idee wurde zur Suche, als ich in England in einen Discountverkauf geriet, bei dem ein zynischer Beau den Menschen messingverzierte Kochtöpfe, unbrauchbare Kameras und Katzengolduhren zu Mondpreisen andrehte. Denn was stand da noch? Ein Stapel originalverpackter Z88, offenbar von Sinclairs Firma im Todeskampf in den Ramsch getan. Seine Käufer glotzten in ihre Schachteln und ahnten noch nicht einmal die volle Wahrheit.

Der Stapel war aus Gaunerhand nicht mehr zu retten, aber da entdeckte ich in einem britischen Gebrauchtcomputer-Blatt die handgemalte Anzeige "Z88 - Alles auf Lager - Vic anrufen unter . . .".

Vic war von Beginn an Z88-Händler und hat tatsächlich immer noch welche. Gebrauchte um 40 Pfund, fabrikneue um 80 Pfund - neun Jahre nach ihrer Geburt. Drei Mikrocomputergenerationen sind darüber hinweggegangen.

Wo hat er das Zeug bloß her? Am Ende dem Hersteller abgeluchst? "So ungefähr", sagt Vic. "Ich hab's bekommen, als sie genug hatten - und ich genug von ihnen hatte."

Der Niedergang sei weithin erkennbar gewesen, sage ich. Ja, sagt Vic, als er die Leute dort zuletzt anrief, interessierten sie sich nur noch für die Satellitenschüsseln, auf deren Herstellung sie umgestiegen waren. "Ich glaube, das mit den Schüsseln haben sie inzwischen aufgegeben, jetzt machen sie nur noch die Signalumsetzer dafür. Ich sage immer, nächstes Jahr machen sie vielleicht noch die Schrauben für die Signalumsetzer."

Hat es denn einen Z88-Klub gegeben? "Ja, ich glaube schon, aber ich bin jetzt wohl der letzte Heini, der sich noch um den Z88 kümmert."

Eine Tragödie, daß Clive Sinclairs Träume so enden mußten, sage ich. "Ach, der ist ja auch immer an anderen Sachen interessiert", sagt Vic. "Jetzt hat er sich in Elektromotoren für Fahrräder verbohrt. Du schraubst das Ding auf dein Rad, drückst einen Knopf und katapultierst dich ins nächstgelegene Schaufenster."

Soweit das Neueste vom technischen Umsturz.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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