Ein alter Bekannter
- Datum: 02.08.1996 - 14:00 Uhr
Bujumbura/Burundi
Es ist der 25. Juli, kurz nach zwei Uhr. Das Staatsradio verstummt.
An den Kaufläden senken sich rasselnd die Eisengitter. Soldaten brausen durch die leergefegten Straßen. Strategisch wichtige Kreuzungen, der Flughafen, die Zufahrt zur amerikanischen Botschaft werden abgeriegelt. Um vier Uhr sendet der Rundfunk wieder. Eine schmetternde Stimme verkündet, was die Bürger schon ahnen: Burundis Generäle haben die Macht an sich gerissen. Wieder einmal.
Einen Tag später spricht ein alter Bekannter zum Volk: Pierre Buyoya. Der Major war schon einmal, von 1987 bis 1993, Militärherrscher in Burundi. Diesmal hat ihn die Armee als "Interimspräsident" an die Staatsspitze geputscht. Natürlich handele es sich hierbei nicht um einen "gewöhnlichen Staatsstreich", verkündet Buyoya, sondern um die "Rettung eines Volkes in Not". In Zahlen ausgedrückt: Seit dem letzten Putsch im Oktober 1993 kamen im Zwergstaat Burundi vermutlich 100 000 Menschen gewaltsam zu Tode. Opfer von Massakern, welche die Volksgruppen der Tutsi und Hutu aneinander verübten.
Die Minderheit der Tutsi - vierzehn Prozent der sechs Millionen Einwohner - kontrolliert die politische Macht und die wirtschaftlichen Ressourcen. Überdies verfügt sie über ein schlagkräftiges Militär, das sie vor dem Schicksal ihrer Brüder und Schwestern in Ruanda bewahren soll. Im Nachbarland - dort herrscht die gleiche ethnische Gemengelage wie in Burundi - brachte das Regime der Hutu im Sommer 1994 eine Million Tutsi und oppositionelle Hutu um, ehe es von Tutsi-Rebellen gestürzt wurde. Ihre extremistischen Verwandten in Burundi behaupten, einem neuerlichen Völkermord vorzubeugen - und veranstalten selber Blutbäder, nach der Devise: Bevor die Hutu uns abschlachten, schlachten wir sie ab.
Vor drei Jahren keimte noch Hoffnung, den ethnischen Wahn, der sich in die Köpfe der Tutsi und Hutu gefressen hat, auszutreiben.
Diese Hoffnung wurde ausgerechnet durch den Berufsoffizier Buyoya genährt. Der damalige Staatschef, ein Tutsi, predigte Versöhnung, berief Hutu-Minister ins Kabinett, ließ freie Wahlen zu. Er verlor und trat freiwillig zurück. Doch die Demokratie hörte vor den Kasernentoren auf. Schon drei Monate später wurde Melchior Ndadaye, der erste gewählte Hutu-Präsident, in den Wirren eines coup d'état ermordet. Sein Nachfolger Cyprien Ntaryamira - auch er ein Hutu - kam bei einem mysteriösen Flugzeugabschuß ums Leben.
Burundi wurde zwar weiterhin von einer Koalitionsregierung geführt, in der Vertreter der Uprona und Frodebu saßen erstere gilt als Partei der Tutsi, letztere wird von Hutu dominiert. Aber die Radikalen in beiden Lagern torpedierten das fragile, wankelmütige Bündnis. Als kürzlich Tutsi-Premierminister Antoine Nduwayo und Hutu-Präsident Sylvestre Ntibantunganya gemeinsam eine afrikanische Eingreiftruppe anforderten, um die Gewaltexzesse im Lande zu beenden, wurden sie als "Hochverräter" gebrandmarkt. Unter dem Druck der Uprona-Hardliner widerrief Nduwayo sein Ansinnen.
Derweil gingen die Massaker an Zivilisten weiter, abwechselnd von Tutsi-Soldaten und Hutu-Rebellen verübt. Die Spirale des Terrors beflügelte die Unversöhnlichen an beiden Fronten, während die Stimmen gemäßigter Politiker systematisch erstickt wurden. Bilanz des Terrors: Seit dem Herbst 1994 sind 24 Abgeordnete, respektive ihre Nachrücker, ermordet worden. Frédéric Bamvuginyumvira hat einen Anschlag überlebt die Kugel kam aus einem Polizeirevolver.
Der Chef der Frodebu-Parlamentsfraktion schwebt in permanenter Lebensgefahr. "Die Machtteilung war immer ein Mythos", erklärte er. Man habe Hutu-Politiker ein bißchen mitregieren lassen, während Tutsi-Militärs einen coup d'état rampant durchgezogen hätten.
Vorige Woche wurde dieser "schleichende Staatsstreich" durch einen offiziellen Putsch besiegelt. Die Regierung ist abgesetzt, das Parlament aufgelöst. Präsident Ntibantunganya konnte in die amerikanische Botschaft fliehen, das Schicksal seines Parteikollegen Bamvuginyumvira ist unbekannt.
Der Coup wurde weltweit verurteilt, allerdings blieb der Protest aus Washington merkwürdig verhalten - womöglich, weil Pierre Buyoya, die Galionsfigur der Putschisten, von den Amerikanern alimentiert wurde. Seine Stiftung für Einheit, Frieden und Demokratie kassierte insgesamt 230 000 Mark. Der 46jährige Major traf unmittelbar nach der Machtübernahme den US-Botschafter. Hoffen die Amerikaner, ihr Günstling könne sich zum Retter Burundis aufschwingen? Die Hutu-Opposition hält Buyoya nur für den machtlosen Strohmann einer Militärclique, die den offenen Bürgerkrieg anstrebt. Buyoyas erste Maßnahme, ein Aufruf an die Tutsi, sich freiwillig zum Wehrdienst zu melden, bestätigt eher ihre Sicht.
Eine militärische Intervention von außen lehnt der "Übergangspräsident" entschieden ab. Doch die Gefahr ist gering, daß fremde Mächte bewaffnete Friedensstifter nach Burundi entsenden. Die Uno kann nicht - der Weltorganisation fehlen die finanziellen und logistischen Mittel -, die Amerikaner wollen nicht. Der kleine Staat, tief im Innern Afrikas gelegen, hat weder strategische Bedeutung noch ökonomisches Gewicht. So bleibt es vorerst bei den leeren Drohungen der bettelarmen Organisation für Afrikanische Einheit (OAU), demnächst dazwischenzuschlagen.
UN-Sonderberichterstatter Paulo Pinheiro warnt vor einer "Tragödie wie in Ruanda" - als wäre Burundi ein Spiegelbild seines Nachbarn.
Tatsache ist, daß sich zwei schwerbewaffnete Kriegsparteien gegenüberstehen, die vorerst ihren Haß an der Zivilbevölkerung austoben. Beide sind Opfer und Täter. Betroffene Gemüter, die nach einer Militärmission rufen, um ein "zweites Ruanda" zu verhindern, müssen sich eine Frage des abgesetzten Premiers Nduwayo gefallen lassen. Er stellte sie mit Blick auf die Appelle von UN-Generalsekretär Butros Butros-Ghali: "Wie will er denn intervenieren? Gegen wen? Die Uno will einen Völkermord verhindern. Wir sagen: Neutralisiert ihn - wenn ihr wißt, wer ihn vorbereitet!"
- Quelle: DIE ZEIT, 32/1996
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- Datum: 02.08.1996 - 14:00 Uhr
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- Quelle: DIE ZEIT, 32/1996
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