I.Rückbesinnung und Jubiläen ermuntern dazu, die Entstehung, den Inhalt und die Entwicklung der großen bürgerlich-rechtlichen Kodifikationen neu zu studieren. Das Bürgerliche Gesetzbuch für das Deutsche Reich stand am Ende des 19. Jahrhunderts, dieses Jahrhunderts der Kodifikationen - eine "Spätfrucht" vom Baum des Liberalismus, der Aufklärung und des rationalen Vernunftrechts.

Am 1. Juli 1896 hatte der Reichstag das BGB "in der 118. Sitzung der laufenden Reichstagssession bei 288 anwesenden Reichstagsmitgliedern mit 222 gegen 48 Stimmen angenommen. 18 Abgeordnete enthielten sich der Stimme" - so berichtete der Abgeordnete August Bebel von einem Ereignis, das eine jahrhundertealte Epoche der deutschen Rechtsgeschichte und eine fast hundertjährige Gesetzgebungs-Diskussion abschloß. Am 18. August 1896 wurde das BGB verkündet, am 1. Januar 1900 trat es in Kraft. Der Aufschub gab den Juristen Zeit, das umfangreiche neue Werk zu verstehen, und bereitete zugleich eine spektakuläre Inszenierung vor: Das Gesetz als Symbol der deutschen Rechts- und Volkseinheit sollte die Tür zum neuen Jahrhundert aufstoßen.

Die Inszenierung mißlang, der offizielle Jubel klang hohl. Nicht wenige Richter quittierten den Dienst, um das neue Recht nicht anwenden zu müssen. Die Kritik überwog. Sie hatte seit dem berühmten Streit der Juristen Friedrich Carl von Savigny und Anton F. Thibault aus dem Jahre 1814 um den "Beruf der Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft" nicht aufgehört. Es war schon mühsam gewesen, dem Reich überhaupt die Gesetzgebungskompetenz zu übertragen.

Erst nach großen Widerständen konnten "Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen etc." in einer "dem deutschen Volk bescheerten Weihnachtsgabe" am 20. Dezember 1873 eine Verfassungsänderung verordnen, mit der die "gemeinsame Gesetzgebung über das gesamte bürgerliche Recht, das Strafrecht und das gerichtliche Verfahren" in die Reichskompetenz überging.

Auch als die erste, überwiegend von Ministerialbeamten, Richtern und Professoren gebildete Redaktionskommission mehr als dreizehn Jahre später, am 27. Dezember 1887, einen Gesetzestext vorlegte, reagierte die Öffentlichkeit mit Ablehnung. Die Kritiker waren einig über die sprachlichen Sünden, den Mangel an Volkstümlichkeit, die Benutzung "übel klingender und widerhaariger" Rechtsbegriffe.