Das einzige, was die Tochter nach dem Tod ihrer Mutter aus dem Konzentrationslager bekam, war ein Zahn. "Ich wollte dir eine Freude machen", sagte die Frau aus Ravensbrück, die ihn brachte, zu der sechzehnjährigen Jana. Dazu kamen Berichte, Zeugnisse von Mitgefangenen, die überlebt hatten, die Zeichnung einer Polin aus dem Lager. Aber erst der Zahn, "das Bruchstück ihres Lächelns", brachte der Tochter den unumstößlichen Beweis, daß ihre Mutter, Milena Jesenská, tot war.

Das letzte Mal, als Jana Cerná ihre Mutter gesehen hatte, war auf dem Flur der Gestapo in Prag im Sommer 1940. Mager, das Haar hing bis auf die Schultern, vorspringende Backenknochen und riesige blaue Augen. Sie erkannte sie erst an ihrem Hinken. Die Berichte der Frauen aus Ravensbrück verbanden sich mit früheren Erinnerungen von Freunden, Feinden, von Mitarbeiterinnen aus der Redaktion, mit eigenen Erfahrungen der Tochter. Aber ein klares Bild wollte sich nicht einstellen.

Ende der sechziger Jahre sollte ein mühsam erstellter Erinnerungsband von Jesenskás Freundin Jaroslava Vondrácková auf Umwegen in Kafkas deutschem Verlag publiziert werden. Nach Jahren Bedenkzeit hat der Verlag noch ein Gutachten eingeholt, das dem umfangreichen Manuskript attestierte: "Keine nennenswerte Bedeutung in bezug auf Kafka."

Milena Jesenská spielte bei den Überlegungen für eine Publikation keine Rolle. Danach erschienen Bilder, die zu dieser jahrelangen Arbeit einer Achtzigjährigen gehörten, verstreut in westdeutschen Buchausgaben und Berichten, Zitate aus dem Manuskript in Reportagen - über Kafka, nicht über Jesenská. Meist ohne Quellenangabe, während die Erwerber "privater Archive", diverse Ordinarien und Kafka-Ausleger, nun ihre Copyrights hüten.

Ein Vierteljahrhundert später gibt es mehrere Biographien Milena Jesenskás, Übersetzungen ihrer Reportagen, Berichte über ihre Gestapo-Akten. Dennoch bleibt ihr Leben bruchstückhaft, ein Geflecht aus Annahmen, Legenden, Gerüchten fast jeder biographische Umstand hat mindestens zwei Varianten.

Der jähzornige Vater mit seinen unzähligen Affären (Akteur eines letzten, eher harmlosen Duells in Prag), der dem zweitgeborenen Sohn die Amme verweigert, obwohl die Mutter nicht stillen konnte - "entweder er schafft es, oder er schafft es nicht" (er schaffte es nicht). Die bettlägrige Ehefrau, die ihm mit ihrer Mitgift die Zahnarztpraxis ermöglicht hat, wird auch dafür gehaßt. Augenblicke der Zärtlichkeit sind rar und gelten eigentlich nicht ihr. Der Veilchenstrauß, den der Vater ihr einmal ans Bett bringt, wird am Abend für eine neu gekommene Patientin wieder weggenommen.