Microsoft und das Internet: Kommt das BillNet?Seite 3/3
Der einzig auffindbare konkrete Hilferuf, Microsoft wolle Internet-Standards verbiegen, läßt sich auf enttäuschte Liebe zu diesem Windows NT zurückführen. Microsoft will offenbar die Netztauglichkeit der billigsten sogenannten Workstation-Ausgabe von NT beschränken; für Web-Publikationen würde sie sich so nicht eignen. Unabhängige Softwarefirmen, die von NT fruchtbaren Boden für eigene Produkte erwartet hatten, werfen dem Giganten nun vor, er verrate das alte Internet-Prinzip, der Technik immer freien Lauf zu lassen. Als stünde es nicht jeder Firma frei, ihr Produkt so unbrauchbar zu machen, wie sie es möchte.
Es sind vielleicht dieselben Leute, die von einer Titelgeschichte des US-Fachblatts Wired angefeuert wurden zu glauben, daß aus Microsoft jetzt ein Medienkonzern wird. Sie zählen jederzeit vier Dutzend Medienprojekte auf, in die sich Microsoft verwickelt hat. Doch sind diese Geschäfte zum Teil mehrere Jahre alt und durch keinerlei große Idee verklammert. Microsoft selbst versichert glaubhaft, allesamt könnten sie auch in fünf Jahren niemals mehr als ein Viertel des Firmenumsatzes erbringen. Als Dominator einer turbulenten Branche einen noch rutschigeren Boden zu betreten, auf dem ihm peinlich jede Erfahrung fehlt - was müßte dem Geschäftsprofi Bill Gates da ins Hirn gefahren sein?
Gates weiß in Wirklichkeit genau, was wichtig ist. Vor ein paar Monaten bekannte er einmal, er wache jeden Morgen mit Gedanken an die Anteile im Markt für Web-Browser auf. Noch heute besitzt Netscape dieses Feld fast allein. Eine Reconquista durch Microsoft ist derzeit pure Vision; de facto existieren dort auch keine offenen Standards, die Microsoft an sich reißen könnte, sondern nur Netscape-Methoden. Diesen Kampf aber sucht der Gigant mit allen Mitteln. Die Version 3.0 seines Internet Explorer, die kurz vor der Einführung steht, hat zumindest den technischen Rückstand aufgeholt.
Mehr Erfolg hat Microsoft mit lautstarker Selbstanpreisung. Die Internet-Fraktion rund um Netscape hat ja groß angekündigt, das bessere Betriebssystem fürs Netz bauen zu wollen. Microsoft sieht das erklärtermaßen nicht als visionäre Spinnerei, sondern als reale Bedrohung für Windows 95. Deshalb soll das alte System das Internet bald besser zeigen. Microsoft geht hausieren mit einer Vorschau auf den Internet Explorer, Version 4.0. Sie präsentiert alles, auch die lokale PC-Festplatte, quasi wie eine Web-Seite und soll die ganze Computerwelt zu einem einzigen Browsen und Surfen machen.
Man darf sich über das gewaltige Medienecho auf diese Entwicklung wundern. Der Herausgeber eines Windows-Newsletters verglich sie mit der Erfindung des Automobils und wird gern zitiert. Nur wurde viel weiter Gehendes bei der Konkurrenz, etwa bei Apple, längst vorgeführt. Und ob es wirklich eine starke Idee ist, die klobige Benutzerführung des Web zur neuen Universalie zu machen, bleibt abzuwarten.
Microsoft will nicht das Internet besitzen, sondern bloß das alte Werben um Investitionsbeschlüsse neu entfachen, in dem die Firma schon so viel erreicht hat. Und bei dem ihr die wildesten Gerüchte willkommen sind, zum Beispiel, daß sie das ganze Netz verschlingen möchte. Diese Branche macht es leicht, so viel Staub und Dampf zu erzeugen, daß das Volk nichts mehr sieht und nicht mehr weiß wohin. Und sich seufzend wieder genau dorthin setzt, von wo es eben aufgestanden war - auf den vertrauten Boden.
- Datum 09.08.1996 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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