Jedermann weiß, was Ödipus getan hat. Den eigenen Vater erschlagen, mit der eigenen Mutter geschlafen! Und das alles nur, weil er nicht zu Hause aufgewachsen war, sondern bei einem Hirten im Gebirge - ein Adoptivkind, nichts ahnend von der eigenen Herkunft, schuldlos preisgegeben dem Väterfluch. Böses Schicksal!

"Weh, weh, Unglückseliger!" rief darum, bei Sophokles, der Chor. Und weinte. Das war im alten Griechenland. Im modernen Amerika sehen solche Geschichten natürlich ganz anders aus. Da steht ein vermeintlicher Mörder oder Kinderschänder vor Gericht, und ringsherum sitzt die versammelte Fernsehnation und verdammt oder beweint den Unglücklichen, und nach dem Urteilsspruch treten ein paar ausgewählte Jedermänner vor die Kamera und geben ihr eigenes Verdikt ab, schuldig, nicht schuldig, schuldig -

Aber nein, aber nicht doch! Es gibt auch andere Fälle. Die Geschichte von Lenny Weinribs Adoptivvaterschaft zum Beispiel beginnt, ganz klassisch, in einem griechischen Theater. Es dämmert, Feuerschalen werden entzündet, und schwarzgekleidete Gestalten betreten die Bühne: der Chor. Der Seher Teiresias und die Seherin Kassandra sind dabei und auch Jokaste, Ödipus' Mutter, mit Vater Laios; nur Ödipus fehlt. Warum wohl?

Und was tut der Chor? Er klagt. Mehr noch: Er klagt an. Zuerst lamentiert er nur ganz allgemein über die "Ungerechtigkeit der Götter", welche "töricht und täppisch" die Wege des Menschenherzens leiten. Doch dann kommt er, heilig zürnend, zur Sache, nennt Namen und Fakten: "Nehmt zum Beispiel den Fall . . .

. . . von Lenny Weinrib." Damit sind wir in New York. Lenny Weinrib, Sportreporter, und seine reizende Frau Amanda (Helena Bonham-Carter) wünschen sich ein Kind. Aber Amanda, eine aufstrebende Galeristin, hat keine Zeit zum Kinderkriegen. Deshalb schlägt sie eine Adoption vor. Lenny sagt nein. Doch schon kurze Zeit später hält er ein Baby im Arm und strahlt.

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