Umberto Eco: Kritik oder Plagiat?

Neulich sprach ich in einer Kolumne von der Gewohnheit, die inzwischen die ganze italienische Presse erfaßt hat: Artikel zu bringen, in denen mitgeteilt wird, daß in einer anderen Zeitung ein bestimmter Artikel erschienen ist oder erscheinen wird.

Es fehlte nur noch, daß L'Espresso eine Presseerklärung verbreitet, in welcher der Inhalt meines nächsten Streichholzbriefes vorangekündigt wird. Den Inhalt oder die herausragenden Artikel der nächsten Nummer anzukündigen, ist allgemein üblich geworden. Zweifellos kann ja dem Leser der Zeitung A eine Meldung, die ihn über den Inhalt der Zeitung B informiert, durchaus von Nutzen sein. Tatsache ist, daß ich am Tag vor dem Erscheinen des Espresso von einer anderen Zeitung gebeten wurde, eine Meinung über meinen (demnächst erscheinenden) Artikel zu äußern, in dem ich die exzessive Übernahme von anderswo schon erschienenen Artikeln beklagte.

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Natürlich habe ich geantwortet, daß ich, da ich in dem betreffenden Artikel eine schlechte Gewohnheit kritisierte, keinen Grund sähe, mich an dem Spiel zu beteiligen. Überdies komme es mir seltsam vor, eine Meinung über einen von mir selbst verfaßten Artikel äußern zu sollen. Denn es wäre doch - und zwar in dieser Reihenfolge - a) dumm von mir, am Telephon zu wiederholen, was ich in dem Artikel geschrieben hatte (tatsächlich war dies wohl die Hoffnung des Anrufers), b) unwahrscheinlich, daß ich dem Anrufer einen Knüller verschaffte, indem ich etwa erklärte, daß alles, was ich geschrieben hatte, der reinste Blödsinn sei, und c) ungehörig von mir, wenn ich mich in Lobestiraden über meinen Artikel erginge. Daraufhin fragte mich der Anrufer, wieso ich dann, um zu beklagen, daß die Zeitungen andauernd über Zeitungen schreiben, einen Zeitungsartikel geschrieben hätte. Um ihn zum Schweigen zu bringen, sagte ich, daß Irren menschlich sei, Beharren aber teuflisch.

Der Vorfall drängt mich jedoch, einige Punkte genauer zu klären, die zwar evident, aber vielleicht nicht allen selbstverständlich sind: Es werden hier Kritik, unvermeidliche Wiedergabe aufsehenerregender Meldungen und bloßes Abkupfern verwechselt. Unvermeidliche Wiedergabe liegt vor, wenn der Sonderberichterstatter der Zeitung A meldet, er habe den Schatz von Dongo geortet, den Mussolini angeblich vor seiner Verhaftung im Comer See versenkt hatte; es liegt auf der Hand, daß die Zeitung B über solch eine Meldung nicht schweigend hinweggehen kann. Nur wird sie versuchen, ihren Rückstand dadurch wettzumachen, daß sie ihrerseits einen Reporter losschickt, um die in der ersten Meldung offengebliebenen Punkte zu klären. Kritik liegt vor, wenn der Artikelschreiber Schwarz in Zeitung A gegen den Artikel von Weiß in Zeitung B polemisiert.

In einer Diskussion hat mir einmal ein Chefredakteur gesagt: "Was regen Sie sich so auf, daß die Zeitungen über Zeitungen schreiben? Haben Sie nicht als einer der ersten in den sechziger Jahren Artikel über die Art geschrieben, wie andere Artikel geschrieben sind?"

Gewiß, und ich war einer von denen, die gesagt und geschrieben haben, daß nicht nur in den Zeitungen regelmäßig Pressekritiken erscheinen sollten, sondern daß auch in den Schulen die kritische Analyse der Tagespresse eingeübt werden müßte. Aber hier wird die Kritik mit der bloßen Übernahme verwechselt, genauer gesagt, mit jenem Abkupfern von Artikeln anderer, das nur dazu dient, die Lücken im eigenen Blatt zu füllen.

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