Wie anfällig sind türkische Jugendliche in Deutschland für islamischen Fundamentalismus?

Auf der Suche nach Identität und Orientierung wenden sich türkische Jugendliche in Deutschland immer häufiger der Religion ihrer Eltern zu. Auch fundamentalistische Vereine haben Zulauf von Stefan Willeke und Kuno Kruse

Mit Bart und Würde die Männer, in Gel und Jeans die Jugend, Frauen mit Kopftuch und züchtig bedeckt. 13 000 Gläubige sind zur Jahresversammlung der Islamischen Gemeinde Milli Görüç in der Dortmunder Westfalenhalle zusammengeströmt. Zutritt hat nur, wer persönlich dazugebeten ist. Ordnungsdienste kontrollieren die Einladungen, durchsuchen die Taschen, patrouillieren in den Gängen. Vor Mitternacht darf niemand das als "Kulturveranstaltung" deklarierte Treffen der Milli Görüç, zu deutsch: Vereinigung der Neuen Weltsicht verlassen.

Die Halle bebt. Delegationen aus ganz Europa werden jubelnd empfangen. Die Halle grölt. Volkan Vural, der türkische Botschafter, steht am Mikrophon. Der offizielle Vertreter der laizistischen Türkei besänftigt die religiösen Eiferer: Das alte Großreich der Osmanen lebe weiter durch die Verbreitung des Islam. Warme Worte. Der Versammlungsleiter dankt mit der Überreichung eines Freundschaftsrings.

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Ein gelungenes Vorprogramm für Ali Yüksel, den Vorsitzenden der Milli Görüç in Deutschland. Nun spricht er zur tosenden Gemeinde, geißelt die Demokratie und die neue Weltordnung der US-Imperialisten, die hinter einer freundlichen Fassade den Islam verleugneten und bekämpften. Er klagt die Laster der Ungläubigen an und den deutschen Staat, der zulasse, daß die Jugendlichen zu Drogensüchtigen und Kriminellen würden. Die Halle tobt. Die Parolen tun ihre Wirkung. Und das nicht nur hier.

Ob in Duisburg-Marxloh, Hamburg-Wilhelmsburg, Berlin-Wedding, Köln-Ehrenfeld oder im Dortmunder Norden, vor allem in den sozialen Brennpunkten rund um "türkische" Wohnviertel stoßen die Moscheevereine und Kulturzentren der expandierenden Milli Görüç auf fruchtbaren Boden: Die Anhänger fühlen sich aus ganz unterschiedlichen Gründen angezogen. Nicht nur religiöse Eiferer und politische Fanatiker kommen zusammen, viele andere suchen einfach Schutz in einer islamischen Gemeinschaft, die sich von der westlichen Welt abschottet.

An die 26 000 Mitglieder zählt inzwischen die im Verfassungsschutzbericht als "islamisch-extremistisch" eingestufte Milli Görüç allein in der Bundesrepublik - gelegentliche Gottesdienstbesucher und viele Minderjährige nicht mitgezählt. Zweihundert Moscheen hat die Vereinigung, die sich für die Refah-Partei des türkischen Islamistenführers Necmettin Erbakan stark macht, in Hallen, Fabriketagen, Ladenzeilen und Wohnblocks eingerichtet. Die Gebetshäuser sind längst nicht mehr nur Treffpunkte alter Männer. In den Vorräumen stehen neben blankgeputzten Halbschuhen und Sandalen Turnschuhe und InlineSkates.

Während die Moscheen der staatlich gelenkten Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion ähnlich wie die christlichen Kirchen über Nachwuchssorgen lamentieren, laufen der fundamentalistischen Milli Görüç die Jugendlichen zu, angelockt durch Hausaufgabenhilfen, Computer- und Karatekurse, Zeltlager, Sportstudios und Fußballvereine, durch Jobvermittlungen und intensive Hilfe nach Gefängnisaufenthalten.

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