Fast 90 Milliarden Mark haben die Bundesbürger im vergangenen Jahr als Prämien für Lebensversicherungen gezahlt, um zusätzlich zur gesetzlichen Rentenversicherung und zu den Betriebsrenten für ihr Alter vorzusorgen. Insgesamt beläuft sich das Kapital, das die Lebensversicherer angelegt haben, auf rund 700 Milliarden Mark. Nach Branchenschätzungen werden den Versicherungskunden Jahr für Jahr etwa 50 Milliarden Mark als Zinsen gutgeschrieben - nach geltendem Recht steuerfrei. Seit langem plädieren Finanzwissenschaftler dafür, diese steuerliche Bevorzugung gegenüber allen übrigen Sparformen abzuschaffen und die Erträge aus Lebensversicherungen wie alle anderen Kapitalerträge zu versteuern. Bayerns Finanzminister Erwin Huber (CSU) hat jetzt im Zusammenhang mit der geplanten Steuerreform einen Vorstoß unternommen, die Lebensversicherungserträge in Zukunft der Steuer zu unterwerfen.

ZEIT: Herr Lang, ist es verfassungsrechtlich denkbar, daß der Fiskus auch bei Lebensversicherungen, die vor Jahren abgeschlossen wurden, künftig mitkassiert?

Lang: Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ist das durchaus möglich. Zum einen haben die Verfassungsrichter dem sogenannten Rückwirkungsverbot bei der Änderung periodischer Steuern grundsätzlich keinen großen Stellenwert eingeräumt. Zum anderen gibt es auch gar keine Rechtfertigung dafür, die Erträge aus einer Lebensversicherung anders zu behandeln als die Zinsen aus einem Sparbuch. Alle Zinsen müssen besteuert werden. Es geht also darum, eine verfassungsrechtliche Gleichbehandlung herzustellen.

Und das ist klar: Im Unrecht gibt es keinen Bestandsschutz.

ZEIT: Heißt das, Bundesfinanzminister Theo Waigel könnte selbst bei solchen Zinsen zulangen, die in den Jahren entstanden sind, als diese Erträge nach geltenden gesetzlichen Vorschriften noch steuerfrei waren?

Lang: Das wäre rein verfassungsrechtlich denkbar. Man könnte zum Beispiel sagen, daß ab 1997 alle Kapitalerträge, die jemandem bei der Auszahlung seiner Lebensversicherung zufließen, vollständig im gleichen Jahr zu versteuern sind. Egal, wann diese Zinserträge angesammelt wurden.

ZEIT: Diejenigen, die sich im Vertrauen auf die Steuerbegünstigung an einen langfristigen Versicherungsvertrag gebunden haben, hätten dann einfach Pech gehabt?