Vorweg eine kurze Retrospektive: Ein ahnungsloser Durchschnittsbürger entdeckt beim Lösen von Kreuzworträtseln geheimnisvolle Verbindungen zwischen der Regierung und Außerirdischen ("The Omega Imperative", USA 1968). Drei skrupellose Greifer jagen einen fünfzehnjährigen, einarmigen Pistolenhelden ("Kid Man", USA 1973). Ein frustrierter Scheidungsanwalt entschließt sich, Kunstflugpilot zu werden. ("Gypsy Angels", USA 1993). Drei unnötige Filme. So überflüssig wie Teil II von Alfred Hitchcocks "Die Vögel", USA 1994.

Die vier Machwerke (und noch über zwanzig mehr) hat ein Mann gedreht, von dem bekannt ist, daß er noch nie einen Auftrag abgelehnt hat. Er heißt Alan Smithee und dreht ausschließlich Filme, die die Welt nicht braucht. Noch nie hat er dafür einen Dollar Gage kassiert. Wieso tut er das?

Ganz einfach: Smithee wird gebraucht. Die Welt rund um Hollywood könnte nicht überleben ohne ihn. Und zwar deswegen, weil dort noch nie ein Regisseur aufgetaucht ist, der Alan Smithee heißt. Daher steht "Regie: Alan Smithee" (wahlweise auch mit den Vornamen Allen oder Allan) unter all jenen Filmen und Filmchen, mit denen der wahre Regisseur nie wieder in Verbindung gebracht werden möchte.

Man kann sich das ungefähr so vorstellen: untalentierte Schauspieler, ein zähes Drehbuch, kein Geld für eine vernünftige Ausstattung - oder alles zusammen. Am Schluß mäkelt auch noch der Produzent herum und will alles ganz anders haben. Nach endlosen Anstrengungen am Set und im Schnitt ist ein miserabler Film entstanden. Und wenn alles verdorben ist, will es natürlich wieder keiner gewesen sein. Regie also: Alan Smithee.

Ungefähr solch ein Augenblick war es, als Smithee geboren wurde. Robert Totten, ein Nobody im Filmgeschäft, hatte sich mit seinem Hauptdarsteller Richard Widmark herumgestritten. Der saß am längeren Hebel und sorgte dafür, daß Totten nach unerquicklichen 25 Drehtagen von den Universal-Studios entlassen wurde. Der Film wurde von Altmeister Don Siegel fertiggedreht, und alles, was dabei herauskam, war "Death of a Gunfighter" , ein saftloser Western über einen alternden Marshall, der noch nicht pensioniert werden möchte.

Weder Siegel noch Totten wollten ihren Namen unter diesem Film sehen. In schwierigen Situationen wird immer eine Kommission gegründet, und in diesem Fall war es die Directors Guild of America, der Berufsverband der Filmregisseure, der sich zusammensetzte und nachgrübelte und schließlich mit einem Pseudonym aufwartete: dem Allerweltsnamen Alan Smith, verfremdet durch zwei angehängte e. In der Annahme, daß in Hollywood niemals ein Regisseur dieses Namens auftauchen würde, was bislang auch noch nicht geschehen ist. Unter den echten Smithees (einer englischen Familie, die bereits Anfang des 18. Jahrhunderts nach Amerika emigrierte) hat sich glücklicherweise noch keiner entschlossen, wirklich Filmregisseur zu werden. Um genau zu sein: Es gibt einen Alan. Glücklicherweise ist er Archäologe geworden und wohnt mit Frau und zwei Kindern im Bundesstaat Washington.