Schweizer "Weltwoche" torkelt von Krise zu Krise

Mythos mit etwas welkem Charme

Golo Mann und Robert Jungk analysierten in ihr das Weltgeschehen. Friedrich Dürrenmatt schrieb seine ersten Theaterkritiken. Und Niklaus Meienberg räsonierte über die Schweiz in einem sich vereinigenden Europa. Es gab Zeiten, da mußte man die Weltwoche lesen, um am öffentlichen Diskurs in der Eidgenossenschaft teilzunehmen.

Das ist heute nicht mehr so. Worüber das Zürcher Wochenblatt berichtet oder auch nicht, das wirkt nicht selten beliebig - eine publizistische Linie ist kaum auszumachen. Das Konzept der Autorenzeitung, in der profilierte Köpfe politische Debatten führen, ist in einem anything goes untergegangen. Statt eines wochenaktuellen Hintergrundes druckt die Redaktion auf der Seite 3 schon mal eine biedere Reportage über den Ferienanfang in Rimini. Die Berichte im Auslandsteil rutschen, wie Redakteure selbst erzählen, mehr oder minder unredigiert ins Blatt. Und das Feuilleton verfügt kaum noch über eine kulturpolitische Ausstrahlung.

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Der kürzliche Rücktritt der beiden Chefredakteure - einer wurde ins Kulturressort versetzt, der andere befindet sich in einem "längeren Urlaub" - ist nur Ausdruck einer tiefer gehenden Krise, zu der auch die finanzbedingte Einstellung des erst eineinhalbjährigen monatlichen Literaturmagazins Supplement gehört. Durch mehrere Besitzerwechsel in wenigen Jahren wurde der Zeitung regelrecht das Rückgrat gebrochen, zumal zwei der Verleger eher zwielichtige Figuren waren.

1987 übernahm Werner K. Rey, ein Spekulant im Stil der goldenen Achtziger, den herausgebenden Jean-Frey-Verlag. Nachdem sich das Finanzgenie als delinquenter Finanzjongleur entpuppt hatte - die Berner Staatsanwaltschaft bemüht sich derzeit um seine Auslieferung aus den Bahamas -, sprang Beat Curti ein. Der neue Besitzer, der nicht nur in der Medienbranche, sondern vor allem im Detailhandel Geschäfte macht, übernahm sich mit dem Kauf finanziell und stolperte prompt über einen Korruptionsskandal. Schließlich trat er die Weltwoche mehrheitlich an die Basler Zeitung (BaZ) ab. Damit gehört die Zeitung nun wieder einem soliden Verlag, dessen Flaggschiff, eben die BaZ, allerdings nicht gerade über landesweites journalistisches Renommee verfügt.

Felix E. Müller, zur Zeit Leiter des Inlandsressorts und Chefredakteur ad interim, hat in seinen vierzehn Jahren "vier Besitzer und die doppelte Zahl Verlagsleiter" erlebt, alle mit ihren eigenen Vorstellungen: "Einmal hätte mehr Farbe ins Blatt sollen, ein anderes Mal mußte der Wirtschaftsteil ausgebaut werden." Zudem war die einst unabhängige Zeitung immer wieder zum Schweigen gezwungen: Als die gesamte Schweizer Presse Reys Omni Holding zu durchleuchten begann, bat die Weltwoche ihre "lieben Leser" um Verständnis, "daß wir die Themen ,Omni' und ,Rey', zumindest im Augenblick, in unserer Zeitung nicht angehen". Das Weltblatt verlor so ein gutes Stück seiner Glaubwürdigkeit.

Rudolf Bächtold und Jürg Ramspeck, die der Redaktion jahrelang vorstanden, konnten der negativen Entwicklung immer weniger entgegensetzen. Nach der Curti-Übernahme verabschiedete sich Bächtold weitgehend in die innere Emigration. Und der zweite im Bund, Ramspeck, gilt geradezu als die Verkörperung des kreativen Chaos. Eine Laisser-faireStimmung begann sich auszubreiten, sie prägt den Redaktionsalltag bis heute.

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