Ein Gespräch mit dem amerikanischen Autor T.C. Boyle anläßlich seines neuen Romans "América"
Vier Millionen illegaler Immigranten in den USA: Soll man die Grenze dichtmachen? T. C. Boyles neuer Roman "América" diskutiert das Problem der mexikanischen Einwanderung und schildert den Konflikt zwischen Arm und Reich. Das Buch ist ein Alptraum, der uns alle betrifft. Wir erleben eine Völkerwanderung, die liberale Prinzipien auf die Probe stellt.
Am 2. April 1996 meldete die Los Angeles Times einen Vorfall, der wochenlang die Spalten des Blatts füllte und erregte öffentliche Diskussionen zur Folge hatte, in deren Verlauf Präsident Clinton höchstselbst das Wort ergriff und zur Besonnenheit mahnte. Folgendes offenbar hatte sich ereignet:
Ein älterer, verrosteter Lastwagen war von der Polizei dabei beobachtet worden, wie er die mexikanisch-amerikanische Grenze überquert und den Kontrollpunkt im weiten Bogen umfahren hatte. Die Polizei des Riverside County nahm die Verfolgung auf. Der Pick-up raste mit einer Geschwindigkeit von immerhin 160 Stundenkilometer über die Autobahn und versuchte, den nachfolgenden Polizeiwagen dadurch abzuschütteln, daß er Kollisionen mit anderen Autos provozierte. Der Versuch mißlang offenbar, jedenfalls gab der Fahrer nach etwa 120 Kilometern die Flucht auf und steuerte den Lastwagen auf eine Böschung. Siebzehn der insgesamt neunzehn Mexikaner sprangen von der Pritsche und rannten ins Gelände, wo sie von Polizisten festgenommen wurden. Ein Mann jedoch versuchte, die klemmende Beifahrertür zu öffnen, hinter der eine Frau saß. Als er sie endlich befreit hatte, waren die beiden Sheriffs zur Stelle und schlugen den Mann und die Frau mit dem Stock.
Ähnliche Vorfälle, so erzählte man mir, ereigneten sich nahezu täglich, und das schien insofern glaubhaft, als die etwa vier Millionen illegaler Einwanderer ja schließlich irgendwoher kommen müssen. Normalerweise nehmen die Zeitungen, nimmt die Öffentlichkeit von solchen Grenzzwischenfällen kaum Notiz. In diesem Fall aber war es anders. Es gibt unter den zahlreichen Fernsehsendern in Los Angeles einige, die sich darauf spezialisiert haben, den Unfall auf dem Boulevard und den Raubmord im Supermarkt live zu filmen und zu senden. Ihre Kamerateams fliegen mit Hubschraubern über das Stadtgebiet, das mit seinen acht oder vierzehn Millionen Einwohnern (je nach Zählweise) so groß ist, daß sich genügend Material findet.
Ein Hubschrauber des Senders KCLA war auf die Immigrantenjagd aufmerksam geworden, hatte sie gefilmt und gesendet. Die Bilder von prügelnden Sheriffs empörten die Öffentlichkeit aufs äußerste. Demonstranten forderten ein Ende der polizeilichen Brutalität, Menschenrechtsgruppen riefen nach einem Tribunal. Die Polizeiführung reagierte schuldbewußt und kleinlaut, versprach eine genaue Untersuchung des Falls und beurlaubte die beiden Sheriffs. Die beiden Opfer wurden durch alle Medien gezerrt, und man gab ihnen eine Aufenthaltsgenehmigung für mindestens sechs Monate. Das war mehr, als sie sich je hätten träumen lassen.
Die Los Angeles Times, die immer ein gutes Gespür für die Volksmeinung hat, veröffentlichte einen Kommentar unter der Überschrift "Rodney King und kein Ende?". Das, in der Tat, war der Anstoß. Jedermann erinnerte sich an die Geschichte, als weiße Polizisten den Schwarzen Rodney King krankenhausreif geschlagen hatten und von einer weißen Jury freigesprochen worden waren, obwohl sich unter dem Beweismaterial ein Videoband befand, das keinen Zweifel am Tathergang ließ. Nach dem Freispruch waren die Unruhen im Stadtgebiet South Central ausgebrochen, es hatte Plünderungen und Feuersbrünste der schlimmsten Art gegeben. Das war im April 1992.
Erstaunlicherweise versäumte es der Kommentator, auf die Unterschiede aufmerksam zu machen. Erstens handelte es sich bei den Tätern dieses Mal nicht um Mitglieder des berüchtigten Los Angeles Police Department. Zweitens hatten die Sheriffs nur genau fünfzehn Sekunden lang geschlagen, und es hatte wohlgemerkt keine Verletzungen gegeben. Drittens aber waren die Opfer nicht, wie damals Rodney King, amerikanische Staatsbürger, sondern von einem kriminellen Schmuggler eingeschleuste Illegale, die sich gewaltsam Zutritt in die USA verschafft hatten.
- Datum 06.09.1996 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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