Ein Gespräch mit dem amerikanischen Autor T.C. Boyle anläßlich seines neuen Romans "América"
Vier Millionen illegaler Immigranten in den USA: Soll man die Grenze dichtmachen? T. C. Boyles neuer Roman "América" diskutiert das Problem der mexikanischen Einwanderung und schildert den Konflikt zwischen Arm und Reich. Das Buch ist ein Alptraum, der uns alle betrifft. Wir erleben eine Völkerwanderung, die liberale Prinzipien auf die Probe stellt.
Am 2. April 1996 meldete die Los Angeles Times einen Vorfall, der wochenlang die Spalten des Blatts füllte und erregte öffentliche Diskussionen zur Folge hatte, in deren Verlauf Präsident Clinton höchstselbst das Wort ergriff und zur Besonnenheit mahnte. Folgendes offenbar hatte sich ereignet:
Ein älterer, verrosteter Lastwagen war von der Polizei dabei beobachtet worden, wie er die mexikanisch-amerikanische Grenze überquert und den Kontrollpunkt im weiten Bogen umfahren hatte. Die Polizei des Riverside County nahm die Verfolgung auf. Der Pick-up raste mit einer Geschwindigkeit von immerhin 160 Stundenkilometer über die Autobahn und versuchte, den nachfolgenden Polizeiwagen dadurch abzuschütteln, daß er Kollisionen mit anderen Autos provozierte. Der Versuch mißlang offenbar, jedenfalls gab der Fahrer nach etwa 120 Kilometern die Flucht auf und steuerte den Lastwagen auf eine Böschung. Siebzehn der insgesamt neunzehn Mexikaner sprangen von der Pritsche und rannten ins Gelände, wo sie von Polizisten festgenommen wurden. Ein Mann jedoch versuchte, die klemmende Beifahrertür zu öffnen, hinter der eine Frau saß. Als er sie endlich befreit hatte, waren die beiden Sheriffs zur Stelle und schlugen den Mann und die Frau mit dem Stock.
Ähnliche Vorfälle, so erzählte man mir, ereigneten sich nahezu täglich, und das schien insofern glaubhaft, als die etwa vier Millionen illegaler Einwanderer ja schließlich irgendwoher kommen müssen. Normalerweise nehmen die Zeitungen, nimmt die Öffentlichkeit von solchen Grenzzwischenfällen kaum Notiz. In diesem Fall aber war es anders. Es gibt unter den zahlreichen Fernsehsendern in Los Angeles einige, die sich darauf spezialisiert haben, den Unfall auf dem Boulevard und den Raubmord im Supermarkt live zu filmen und zu senden. Ihre Kamerateams fliegen mit Hubschraubern über das Stadtgebiet, das mit seinen acht oder vierzehn Millionen Einwohnern (je nach Zählweise) so groß ist, daß sich genügend Material findet.
Ein Hubschrauber des Senders KCLA war auf die Immigrantenjagd aufmerksam geworden, hatte sie gefilmt und gesendet. Die Bilder von prügelnden Sheriffs empörten die Öffentlichkeit aufs äußerste. Demonstranten forderten ein Ende der polizeilichen Brutalität, Menschenrechtsgruppen riefen nach einem Tribunal. Die Polizeiführung reagierte schuldbewußt und kleinlaut, versprach eine genaue Untersuchung des Falls und beurlaubte die beiden Sheriffs. Die beiden Opfer wurden durch alle Medien gezerrt, und man gab ihnen eine Aufenthaltsgenehmigung für mindestens sechs Monate. Das war mehr, als sie sich je hätten träumen lassen.
Die Los Angeles Times, die immer ein gutes Gespür für die Volksmeinung hat, veröffentlichte einen Kommentar unter der Überschrift "Rodney King und kein Ende?". Das, in der Tat, war der Anstoß. Jedermann erinnerte sich an die Geschichte, als weiße Polizisten den Schwarzen Rodney King krankenhausreif geschlagen hatten und von einer weißen Jury freigesprochen worden waren, obwohl sich unter dem Beweismaterial ein Videoband befand, das keinen Zweifel am Tathergang ließ. Nach dem Freispruch waren die Unruhen im Stadtgebiet South Central ausgebrochen, es hatte Plünderungen und Feuersbrünste der schlimmsten Art gegeben. Das war im April 1992.
Erstaunlicherweise versäumte es der Kommentator, auf die Unterschiede aufmerksam zu machen. Erstens handelte es sich bei den Tätern dieses Mal nicht um Mitglieder des berüchtigten Los Angeles Police Department. Zweitens hatten die Sheriffs nur genau fünfzehn Sekunden lang geschlagen, und es hatte wohlgemerkt keine Verletzungen gegeben. Drittens aber waren die Opfer nicht, wie damals Rodney King, amerikanische Staatsbürger, sondern von einem kriminellen Schmuggler eingeschleuste Illegale, die sich gewaltsam Zutritt in die USA verschafft hatten.
Tischgespräche in Beverly Hills
Es ergab sich, daß ich in diesen Tagen zu einem Abendessen in Beverly Hills eingeladen war. Zu einem kleineren Teil bestand die Runde aus Europäern, zum größeren aus hier in der Stadt lebenden Amerikanern, darunter einige Akademiker. Keine schlechte Gelegenheit, wie mir schien, das Thema zur Sprache zu bringen. Ich wies darauf hin, daß ein vergleichbarer Vorfall in Frankreich von den Zeitungen vermutlich kaum beachtet worden wäre, daß er in Deutschland insofern kontrovers diskutiert worden wäre, als mindestens die Polizeiführung, sicherlich auch konservative Kommentatoren auf die Gesetzesverletzung seitens der Mexikaner aufmerksam gemacht hätten.
Die Europäer stimmten dem Vergleich in etwa zu, den Amerikanern hingegen kam es, wenn ich ihre Gedanken richtig zusammenfasse, auf etwas ganz anderes an. Zunächst dürfe die Polizei, gleichgültig, was anliege, nicht prügeln. Zum zweiten sei das wiederum ein Beispiel für die traurige Praxis, wie die weiße Staatsgewalt mit anderen Rassen umspringe. Und schließlich und vor allem sei dieses Land ein freies Land, das aus alter Tradition Fremde, die hier arbeiten wollen, willkommen heiße, und wenn die Fremden keine Aufenthaltsgenehmigung hätten, dann sei das noch lange kein Grund, sie zu mißhandeln. Es war, als hätten die Amerikaner eine Besonderheit ihres Landes behauptet, als hätten sie sagen wollen, das mag ja in Europa so oder so sein, aber hier gilt oder soll gelten die höhere Legitimität desjenigen, der Schutz sucht (oder Arbeit oder sein Glück).
Daß die Gastgeber Kinder jüdischer Flüchtlinge waren, die sich auf der Flucht vor den Nazis nach Kalifornien gerettet hatten, kam mir jetzt in den Sinn. Auch der hier versammelte Freundeskreis war offenbar weitgehend jüdisch. Vor diesem Hintergrund war die tolerante Haltung gegen Illegale verständlich. Und ist nicht, so fiel mir ein, dieser oder ein ähnlicher Hintergrund das Schicksal der meisten Bewohner dieser Stadt? Denn fast alle kommen ja woanders her. Einwanderer in Los Angeles zu sein ist der Normalfall.
Natürlich kann man fragen, ob diese Reaktion nicht bezeichnend für eine Mittelschicht ist, die ihren Weg gemacht hat (wie entbehrungsreich auch immer er gewesen sein mag) und im übrigen ganz gern die Vorteile genießt, die mit der Tatsache verbunden sind, daß es überall und jederzeit billige Arbeitskräfte gibt. Die Apartmentsiedlung von Marina del Rey jedenfalls, wo ich einige Monate lebte, wurde von Mexikanern gepflegt. Ununterbrochen waren sie damit beschäftigt, die Rasenkanten zu schneiden, die Pools zu reinigen und die Gehwege mit Hilfe dröhnender Motorgebläse von Staub und Laub zu befreien.
Als ich zum erstenmal in eine Waschanlage fuhr, eilten zwei Mexikaner von links und rechts herbei, rissen die Bodenmatten heraus und reinigten mit einem Staubsauger das Innere und den Kofferraum. Sie waren noch nicht fertig, als ein dritter den Wagen in die Waschstraße steuerte, an deren Ende wiederum scharenweise Mexikaner zur Stelle waren, um mit ganzen Bergen von Frotteetüchern das Auto innen und außen auf Hochglanz zu bringen. Währenddem saßen die Wagenbesitzer in der Sonne, tranken Kaffee und schauten der Arbeit zu.
Unter ihnen war eine auffällige Blondine, angetan mit einem hautengen weißen Body und weißen Stretch-Jeans, mit goldfarbenen Stöckelschuhen und goldfarbenen Haaren. Sie blickte gelangweilt auf ihren silbernen Mercedes, wechselte Standbein mit Spielbein, während die halb so großen dunkelhäutigen und schwarzhaarigen Mexikaner um sie herumwuselten. Die Szene hätte einer klassenkämpferischen Perspektive reichlich Nahrung geboten, obgleich vermutlich weit und breit keiner war, der ihr hätte Geschmack abgewinnen können - die Autobesitzer nicht, die sieben Dollar am Eingang entrichtet hatten und am Ende, wie ich beobachten konnte, dem jeweiligen Chef der Putztruppen einen Dollar in die Hand drückten, und auch die Mexikaner nicht, die froh waren, einen halbwegs sauberen Job zu haben, der ihnen drei bis vier Dollar die Stunde einbringen mochte, zuzüglich des Trinkgeldes.
Die Los Angeles Times meldete in diesen Tagen die neuesten Zahlen über den gewerkschaftlichen Organisierungsgrad in Amerika. Der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an der Gesamtzahl der Arbeitnehmer betrug in den fünfziger Jahren 35 Prozent. 1985 war er auf 18 Prozent gefallen, 1990 auf 16 und 1995 auf 14,9 Prozent.
Wie ein Liberaler zum Rassisten wird
Eines späten Abends, als ich in der 3rd Street von Santa Monica die Buchhandlung Midnight's Special nach Neuerscheinungen durchsuchte, stieß ich auf T. Coraghessan Boyles Roman "The Tortilla Curtain", der jetzt unter dem Titel "América" bei Carl Hanser erschienen ist (392 S., 45,- DM). Das Buch las sich wie eine düstere Illustration der aktuellen Immigrationsdebatte. Die Geschichte spielt in Los Angeles, einerseits oben auf den Hügeln, wo Delaney mit Weib und Kind in einer schicken Villensiedlung lebt, andererseits tief unten in einem der Canyons, wo ein junges mexikanisches Paar illegal eingewandert - wie die Tiere haust.
Als der Mexikaner Cándido eines Tages aus dem Dickicht auf die Straße tritt, wird er von dem Auto Delaneys erfaßt, zu Boden geschleudert und verletzt. Der erschrockene Delaney steigt aus, um nach dem Verletzten zu sehen. Aber der Mann, der sichtlich mitgenommen am Boden kauert, versteht kein Englisch. Auf die Frage, ob er einen Arzt brauche, gibt er keine Antwort. Da die Schuldfrage offenbar unklar ist, drückt ihm Delaney zwanzig Dollar in die Hand und fährt weiter.
Der Kunstgriff von T. C. Boyle besteht darin, daß die zwei Geschichten nebeneinander herlaufen und sich nur auf den dramatischen Höhepunkten verschränken. Wenn Cándido und Delaney sich begegnen, nehmen sie einander nie als wirkliche Menschen wahr, immer nur als Typus der anderen Klasse und Rasse. Delaney ist der liberale Weiße, Kolumnist eines Naturfreunde-Magazins, verheiratet mit einer Immobilienmaklerin, gut situiert und politisch eher unbedarft. Mit wachsendem Unmut sieht er die Anzeichen einer Bedrohung seiner heilen Lebenswelt. Kojoten dringen über den Gartenzaun in sein Grundstück und zerfleischen die beiden Hunde. Dunkelhäutige, verdächtige Gestalten lungern auf vertrauten Wanderwegen. Die Eigentümergemeinschaft der Siedlung beschließt die Errichtung einer Ringmauer und einer bewachten Zufahrt. Delaney verschafft sich ein Gewehr.
Auf der anderen Seite, auf dem Grund der Schlucht und auf dem illegalen Sklavenmarkt, Cándido und seine geliebte América: beide voller Hoffnung, im Gelobten Land ihr Glück zu finden, aber verfolgt vom Unglück, von der Immigrantenpolizei, vom Hunger, von einer Feuersbrunst, von der Verachtung der reichen Weißen, von der Bösartigkeit eigener Landsleute. Der Roman ist eine Achterbahnfahrt der Katastrophen und Peripetien, wechselnd erzählt aus der Perspektive des Oben und des Unten, geschrieben mit Zorn und Leidenschaft, die bizarre Seite des Schlimmstmöglichen ins literarische Kalkül ziehend.
Gespräch mit T. C. Boyle
T.C. Boyle war mit einem Gespräch sofort einverstanden. Der Tag, an dem ich losfuhr, erinnerte an das Ende des Romans, wo heftige Regenfälle einen Erdrutsch auslösen. Der Highway Nr. 1 zog an dem plötzlich dunkelgrau gewordenen Pazifik vorbei, der wütend die Wogen mit weißen Schaumkronen an Land warf, und die Berge waren von nachtschwarzen Wolken verhüllt. Erst in Montecito, also kurz vor Santa Barbara, ließ der Regen nach. Ich folgte Boyles Wegbeschreibung, fuhr die Hot Springs Road ein Stück hoch und bog in den Seitenweg ein. Da war es: das wunderbare, von Frank Lloyd Wright erbaute Haus. Boyle zeigte es mir voller Stolz. Er hatte es von der Summe, die Alan Parker für die Filmrechte an "Welcome to Wellville" bezahlt hatte, vor ein paar Jahren gekauft und wieder in den Originalzustand versetzt. Die feingliedrige, harmonische Fensterfront des quadratischen hohen Wohnraumes zeigte die alte mäandernde Sprosseneinteilung. Das ganze Haus war aus dunklem Edelholz erbaut, wirkte leicht, elegant, dabei zugleich irgendwie feierlich, was an der japanisierenden Architektur liegen mochte, die eine Aura von Teehaus und Tempel verströmte.
Wir sprachen über den politischen und sozialen Hintergrund des Romans "The Tortilla Curtain".
Boyle sagte: "Die Mittelschicht schwindet. Besonders in New York oder Los Angeles findet man eine Belagerungsmentalität wie in einigen Ländern Lateinamerikas, wo es einen winzigen Prozentsatz wohlhabender Leute gibt, die in eingezäunten Siedlungen leben und ihre eigene Polizei haben, und daneben eine riesige verarmte, ungebildete Unterschicht. Die USA entwickeln sich immer mehr dahin, die Polarisierung nimmt zu."
Auf meinen Hinweis, in Los Angeles seien nur etwa fünfzehn Prozent der Arbeitnehmer Mitglieder der Gewerkschaft, antwortete Boyle:
"Genau darum geht es in meinem Roman. Los Angeles war immer ein Ort, der Gewerkschaften bekämpfte. Die Unternehmer wollten einen offenen, ungeregelten Arbeitsmarkt, damit sie die Löhne drücken konnten. Aber dieser Krieg ist längst entschieden, weil wir durch die legale wie die illegale Immigration ein Sklavenheer haben. Es gibt de facto keine Gewerkschaften. Wenn du nicht für drei Dollar die Stunde arbeiten willst - macht nichts, das sind sechstausend andere Leute, die den Job haben wollen. Sie stehen an den Straßen, bereit für alles. Die Agrarindustrie und die Bekleidungsindustrie leben von diesem Sklavenheer, sie sind nicht daran interessiert, die illegale Immigration zu stoppen."
ZEIT: Wie war die Reaktion auf den Roman?
Boyle: "Er hat eine Menge Leute wütend gemacht, ich bin von allen Seiten angegriffen worden. Die Konservativen sagten, ich sei zu nachsichtig mit den Mexikanern, die Liberalen sagten, ich hätte nicht das Recht, aus der Perspektive eines Mexikaners zu schreiben, weil ich ja keiner bin. Eine Rundfunkmoderatorin aus San Francisco rief mich an und nannte mich menschlichen Abfall. Ich habe mich für das Kompliment bedankt."
ZEIT: War es schwierig, in die Haut eines Mexikaners zu schlüpfen?
Boyle: "Ein Schriftsteller ist doch dadurch definiert, daß er Vorstellungskraft besitzt, daß er dazu fähig ist, sich in jemand anderen hineinzuversetzen. Tolstoj war kein Bauer, aber er konnte aus der Perspektive eines Bauern schreiben. Das ist doch die Aufgabe der Literatur. So viele amerikanische Schriftsteller schreiben über Professoren, die sich in eine Studentin verlieben und scheiden lassen. Darüber zu schreiben, habe ich keine Lust."
ZEIT: Der Roman bietet keinen Trost.
Boyle: "Wir haben hier für bestimmte Filme den Ausdruck ,It's a feel good movie'. Ich will nicht, daß die Leute sich gut fühlen, ich will, daß sie sich schlecht fühlen. Ich glaube nicht, daß es für die Probleme, von denen mein Roman handelt, einfache Lösungen gibt. Es ist kein Zufall, daß Delaney ein Naturfreund ist. Wenn man seine Perspektive einnimmt, dann ist der Feind der Natur der Mensch. Umweltschützer und Naturfreunde, die normalerweise links sind, werden sehr reaktionär, wenn es um Immigration geht. Je mehr Menschen, um so mehr Gefahr für die Umwelt. Das Buch beschreibt, daß wir als eine tierische Spezies fortfahren, Stammeskriege zu führen, neue Territorien, nicht anders als die Kojoten, wegen ihrer Ressourcen zu besetzen. Nationale Grenzen sind irrelevant geworden. Das führt zur Verschärfung der rassischen Emotionen. Das Buch erinnert den Leser daran, daß wir, jenseits nationaler und ethnischer Unterschiede, eine einzige Spezies sind. Eine Spezies ist dadurch definiert, daß du dich mit jedem beliebigen Menschen auf der Welt paaren und lebensfähige Nachkommen zeugen kannst. Wir neigen dazu, das zu vergessen und andere Menschen wie Tiere zu betrachten und zu verachten. Natürlich könntest du so leben, wie ein Tier, und würdest es tun, wenn du müßtest."
ZEIT: Soll man die Grenzen dichtmachen?
Boyle: "Kein Land auf der ganzen Welt hat offene Grenzen. Gibt es die Verantwortung eines Landes, sich um die Bürger eines anderen Landes zu kümmern? Vielleicht gibt es eine humanitäre Verpflichtung. Aber es gibt nationale Souveränität. Und wenn es sie gibt, dann muß es Grenzen geben. Also brauchen wir Personalausweis und ein Meldegesetz, was wir ja bislang nicht haben. Jeder kann hier jederzeit einwandern. Wir müssen uns entscheiden: Sollen wir Mexiko zu einem weiteren Bundesstaat machen? Mexiko hat, wie die USA, gewaltige Ressourcen, aber unglücklicherweise ist seine Regierung korrupt. Da gibt es ein Einparteiensystem, das seit der Revolution alles beherrscht, da gibt es eine Oligarchie, die den Rest des Volkes verachtet und im Luxus lebt. Ist das ein Problem, das Amerika lösen sollte?"
ZEIT: Geht also das amerikanische Interesse vor?
Boyle: "Neue Umfragen zeigen, daß die Mexican-Americans, die hier leben, in überwältigender Mehrheit dafür sind, niemanden mehr hereinzulassen. Das ist schieres Eigeninteresse: Ich bin hier, und kein anderer soll mehr kommen. Wenn es legale Immigration gibt, dann macht die illegale einen Witz daraus. Wir haben Firmen, die alles über die Kreditwürdigkeit einer Person ausfindig machen, die alles über mich wissen, wo ich Kaffee trinke und wo ich einkaufe - also müßte es möglich sein, die illegale Immigration zu stoppen, und es ist möglich. Es gibt eine heftige Antiimmigrationsstimmung im Land. Die Immigration war niemals so groß wie jetzt, nicht einmal im 19. Jahrhundert. Wir nähern uns der Zahl von sechs Milliarden Menschen auf der Welt, wo sollen die hin? Gut, unsere Wirtschaft basiert auf Wachstum - aber gibt es unendliches Wachstum? Soll jeder Quadratmeter auf dieser Erde mit Häusern bebaut sein? Was für eine Art von Leben wäre das? In der vorigen Generation hat die mexikanische Regierung den Kinderreichtum gefördert, mit dem Erfolg, daß nun jedes Jahr eine Million zusätzlich auf den Arbeitsmarkt kommt, und das in einem Land, dessen Arbeitslosenrate bei vierzig Prozent liegt. Was sollen die Menschen tun - verhungern oder in die USA gehen? Und wer ist verantwortlich dafür?"
ZEIT: Funktioniert die amerikanische Utopie noch?
Boyle: "Sie hat funktioniert, in einem unglaublichen Ausmaß, mit einer Demokratie, die blühte und immer noch blüht. Ja, Amerika war immer das Land der Immigranten, das alle diese verschiedenen Völker aufgenommen hat, und alle sind sie zuerst auch dämonisiert worden. Wollte man das Ganze optimistisch betrachten, dann könnte man sagen: Es wird auch in Zukunft funktionieren. Ich aber glaube, daß sich die Bedingungen geändert haben, und zwar wegen der Übervölkerung. Wir selber sind der Feind, jeder von uns, da geht kein Weg dran vorbei. Die einzige Lösung, die es gibt, liegt außerhalb unserer Kontrolle. Wir erfahren ja, daß immer mehr Viren, Bakterien, Parasiten der Welt gegen ihre Behandlung resistent werden. Ich fürchte, es wird ein großes Sterben unter unserer Spezies geben. Wenn eine Spezies übermäßig wächst, stirbt ihre Umgebung ab. Die Bedingungen sind perfekt. Wir reisen überallhin. Sie können morgen einen bestimmten Virus nach Deutschland bringen, ohne es zu wollen. Es wird eine Katastrophe geben, und die einzige Hoffnung ist, daß wir aussterben. Was sonst soll passieren? Sechs Milliarden - wo sollen die hin? Der Grund, weshalb ich Los Angeles verlassen habe, war, daß ich einfach den Druck der Massen nicht mehr ertragen konnte. Das Leben war nicht länger lebbar. Ich konnte nicht mehr ins Theater, ins Konzert, weil ich mich Stunden um Stunden durch das Verkehrschaos quälen mußte. Jetzt lebe ich in dieser kleinen Stadt, wo ich nachts von meinem Fenster die Milchstraße sehen kann, die man in Los Angeles wegen der Luftverschmutzung längst nicht mehr sieht, die Luft ist sauber, ich gehe hier ins Theater, ins Konzert, und alles ist sehr angenehm, weil es noch nicht so dicht besiedelt ist. Vielleicht wird es das bald sein - wohin dann?"
ZEIT: Nicht jeder hat das Geld, nach Montecito zu ziehen.
Boyle: "Ich bin mir der Tatsache sehr bewußt, daß ich hier in der Oberschicht lebe, in diesem wunderschönen Haus, wohlhabend wie alle anderen in dieser Gegend, aber ich komme aus der Arbeiterklasse, ich besaß nichts, ich verstehe die Gefühle derjenigen, die nichts haben. Aber ich kann nicht mit meinem neuen Auto hier herumfahren und ein Schild ans Fenster kleben: ,Bin Arbeiterjunge, habe das mit meinem Schweiß und Grips verdient'. Das kümmert niemanden. Ich habe das Auto, und die haben es nicht, also versuchen sie, es zu klauen. Das ist einfach so." "Auch ich kam von ganz unten"
Hier fing Boyle laut zu lachen an, als amüsiere ihn die Vorstellung, daß Leute ähnlichen Herkommens wie er ihm sein Auto stehlen könnten. Er hatte sich warmgeredet. Die hagere, langbeinige Gestalt, gekleidet in eine Lederjacke, Jeans und rotweiße Basketballschuhe, saß in entspannter Haltung, die Bierflasche in der Hand, in einem der schönen Art-déco-Sessel, wirkte zugleich aber wie auf dem Sprung. Sein Gesicht war blaß, umgeben von schütterem, rötlichem Kraushaar, und seine lustig-listigen Augen blickten mich wachsam an. Draußen regnete es wieder. Ich fragte ihn, was für ihn selber die amerikanische Utopie bedeute.
Boyle: "In meinem Fall wurde sie wahr. Ich stamme aus einer armen Arbeiterfamilie, meine Eltern waren beide Alkoholiker. Meine Großeltern kamen aus Irland, ich wuchs im Waisenhaus auf. Ich habe mich nie anderen unterlegen gefühlt, meine Freunde waren zwar wohlhabender als ich, aber es waren eben Herzensfreunde, ich ging da durch und hatte am Ende Erfolg. Die amerikanische Verheißung gilt immer noch, mit einer einzigen Ausnahme, der Rasse. Wenn ich in derselben Situation und dazu noch schwarz gewesen wäre, ich glaube nicht, daß ich so weit gekommen wäre."
ZEIT: Was ist der Grund für die besondere Situation der Schwarzen?
Boyle: "Der Grund ist, daß die Schwarzen als Sklaven hierherkamen. Das Kind, das heute geboren wird, mag das nicht wissen, aber die Gesellschaft weiß es. Du kannst nicht Teil des amerikanischen Traums sein, wenn du schwarz bist. Wenn du keinen Job kriegst, kein Haus im Vorort kaufen kannst, was machst du: Du strebst nach Stil, Mode, Musik, nach einem anderen Weg, im Leben Gratifikationen zu kriegen, und so entsteht eine Antigesellschaft, muß entstehen. Wenn Sie das schwarze, im Ghetto gesprochene Englisch hören, so unterminieren die Schwarzen permanent und bewußt das normale Englisch, sie wollen sich von unserem Englisch unterscheiden. Niemand in der Gesellschaft, in der wir beide uns bewegen, kann sich jemals einen grammatischen Fehler leisten, es wäre inakzeptabel. Es ist ein soziales Distinktionsmerkmal. Aber die schwarze Gesellschaft ist umgekehrt: Würde man sprechen, wie ich spreche, wäre man ein Onkel Tom, ein Verräter."
ZEIT: Die Schwarzen machen in Kalifornien nur sieben Prozent der Bevölkerung aus.
Boyle: "Und ihr Anteil schrumpft, denn der Anteil der Latinos ist gewaltig und steigt. Vor dem Immigrationsreformgesetz von 1986 hatten die Schwarzen einen stabilen Anteil an der Gesamtbevölkerung. Wegen der gewaltigen asiatischen und mexikanischen Zuwanderung sinkt dieser Anteil. Und in Kalifornien kommt hinzu, daß Weiße das Land verlassen und nach Oregon oder Washington ziehen. Das Land ist in Gefahr auseinanderzufallen, und das ist ein Grund, für jegliche Immigration ein Moratorium festzusetzen, damit wir sehen können, ob sich die Gruppe ausbalancieren, stabilisieren und zu mischen beginnen, so daß wir nicht eine Stadt haben wie Los Angeles, die so voller Latinos ist, daß man sie manchenorts für mexikanisch halten könnte. Die liberalen, fortschrittlich gesinnten Leute verweigern diese Debatte einfach und sagen, du bist ein Rassist. Aber ich bin kein Rassist, ich rede nicht über Rassen, sondern darüber, wie es möglich ist, dieses Land und diese Demokratie zu erhalten. Diese Leute können nicht denken, die wollen mir im Namen der Political Correctness die Freiheit nehmen, mich in meinen Büchern mit Dingen zu befassen, die ich für wichtig halte. Da kann ich nur sagen: fuck you, ich schreibe, was ich will. Das ist mein Beruf."
Grell wie ein Alptraum
Boyles "Tortilla Curtain" ist ein böses, ein genaues Buch und beides vielleicht etwas zuviel. Es wirkt manchmal überdramatisiert, vor allem am Ende, wo sich die Katastrophen türmen. Der Autor erscheint als ein furchtbarer Rachegott, der, von den Gespenstern seines Stoffes gejagt, die Geschichte zum schlimmstmöglichen Ende treibt. Hätte er aber größere Distanz zu seinem Thema, wäre das Buch nicht so geworden, wie es ist: grell und spannend wie ein Alptraum, der einen in den Tag hinein verfolgt.
Die Zeit der ethnisch geordneten Nationalstaaten hat ihren Höhepunkt überschritten, ist vielleicht vorbei. Wir erleben den Widerspruch, daß zwar einerseits die Idee des Nationalstaats gewaltigen und oft gewalttätigen Zuspruch erfährt, daß aber andererseits die Wanderungsströme der Emigranten und Asylanten, der Kriegsflüchtlinge und der Glückssucher überall und ständig zunehmen, so daß der Multikulturalismus längst mehr als nur ein Thema von Podiumsdiskussionen ist, sondern harte Realität. Die Algerier in Paris, die Türken in Berlin und die Inder in London sind ja keine exotische, das Straßenbild bereichernde Erscheinung mehr, sie sind längst Teil der Gesellschaft, der Kultur. Vermutlich ist das erst der Anfang. Wir erleben eine neue Völkerwanderung, und es ist fraglich, ob Grenzkontrollen dagegen helfen werden, so wie auch der Zaun, der die illegalen mexikanischen Immigranten von ihrem Marsch nach Norden abhalten soll, nicht wirklich hilft. "The Tortilla Curtain" trifft ins Zentrum nicht nur der amerikanischen Gegenwart.
- Datum 06.09.1996 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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