Kulturkampf in Großbritanien: Mit allen Mitteln soll die BBC auf die neue Fernsehwelt eingestellt werden

Ist John Birt der "Totengräber" des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wie linksliberale Kritiker behaupten? Oder handelt es sich bei dem Generaldirektor der britischen BBC um einen weitsichtigen Strategen, der die Corporation erst vor den Exzessen neokonservativer Medienpolitik bewahrte und sie nun für das digitale Zeitalter rüstet?

Die Meinungen über John Birt prallen härter aufeinander als je zuvor. Weshalb ihn ein Karikaturist mit zwei Schatten versah Heiligenschein und Teufelshörnern. Das Publikum ist schlicht verwirrt. Was nicht weiter verwunderlich ist. Denn der BBC-Boß präsentierte sich in den vergangenen Monaten chamäleongleich in immer neuen Rollen. Zunächst hatte er den harten Technokraten herausgekehrt und damit das gesamte Kulturestablishment des Landes gegen sich aufgebracht. Durch eine radikale Strukturreform will Birt die BBC komplett umkrempeln, der legendäre World Service soll dabei seiner Unabhängigkeit beraubt werden.

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Diese Absicht verbreitete geradezu Kulturkampfstimmung. Aus dem Ausland meldeten sich Gorbatschow und Südafrikas Erzbischof Tutu besorgt zu Wort. Selbst die Regierung Major reagierte verärgert. Birt hatte es nicht einmal für nötig befunden, das Außenministerium von seinen Absichten zu informieren, obgleich es doch den World Service finanziert.

Doch dann stellte sich urplötzlich ein ganz anderer Birt vor altmodisch öffentlich-rechtlich sozusagen. Er verlangte das, was Politiker nirgendwo in Europa gerne hören, nämlich eine höhere Rundfunkgebühr. Und wie sich der BBC-Boß ins Zeug legte! Mit patriotischem Pathos pries er die Corporation als "eine der großen Erfindungen des 20. Jahrhunderts". Im Zuge der digitalen Medienrevolution drohe sich eine "alles erstickende amerikanische Weltkultur" herauszubilden. Um nationale Kultur und Identität zu bewahren, müsse der öffentlich-rechtliche Rundfunk gestärkt werden. Das wiederum gebiete, die BBC finanziell entsprechend auszustatten.

Während die Politiker noch kühl und abwartend auf dieses Begehren reagierten, machten Gerüchte über einen erfolgreichen kommerziellen Coup der BBC die Runde: Angeblich soll man sich mit dem amerikanischen Kabelfernsehgiganten Telecommunications Inc. (TCI) über die Einrichtung von zunächst sechs gemeinsamen Fernsehkanälen geeinigt haben. Auch Murdochs BSkyB ist an einem Pakt mit der BBC interessiert. Aus deren ansehnlichem Archiv lassen sich schließlich zahlreiche digitale Kanäle füllen. BSkyB soll in letzter Minute versucht haben, die amerikanische Konkurrenz durch ein besonders verlockendes Angebot auszustechen. Für wen sich die BBC auch entscheiden mag - Joint-ventures mit multinationalen Medienkonzernen bedeuten Mehreinnahmen. Der Ruf nach einer höheren Gebühr wirkt dadurch erst einmal nicht gerade überzeugender.

Längst nicht ausgemacht ist, ob Regierung und Parlament bereit sein werden, der BBC zu geben, was sie will. Zwar ist der Empfang spottbillig - die derzeitige Gebühr von 95 Pfund, umgerechnet 220 Mark, im Jahr ist gerade so teuer wie eine Boulevardzeitung. Dafür liefert die BBC immerhin zwei nationale Fernseh- und fast vierzig landesweite und lokale Radioprogramme. Fünf oder zehn Pfund mehr pro Jahr sollten demnach nicht als unverschämtes Ansinnen gelten. Aber selbst Labour hält sich bedeckt. Im heraufziehenden Wahlkampf mag man sich nicht dem Vorwurf aussetzen, man trete für eine höhere "Zwangsabgabe" ein. Die Rundfunkgebühr ist nun mal regressiv, behandelt die Pensionäre und Millionäre gleich.

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