Neues zur Gründungslegende der Bundesrepublik: Horkheimer gegen Habermas, dazwischen Adorno

Als im Herbst 1977 überall nach Sympathisanten des Terrorismus gefahndet wurde, erlaubte die Frankfurter Allgemeine keinen Zweifel daran, daß niemand anderes als die sogenannte Frankfurter Schule und namentlich die beiden Sozialphilosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno die geistigen Grundlagen für den RAF-Terrorismus geliefert hatten. Die beiden Chefideologen wirkten demnach nicht bloß schulbildend, sondern sorgten auch für die Unruhe, die sich 1967 ff. an den Universitäten ausbreitete, und wohin das führte, weiß man ja. Wäre er nicht rechtzeitig gestorben, der alte Adorno hätte noch selber mitgetan bei der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Das Wirken der kritischen Theoretiker um das Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS) muß wahrhaft zersetzend gewesen sein, und die alte Bundesrepublik kann von Glück sagen, daß sie, nicht zuletzt dank der Hilfe der FAZ, noch einmal mit dem Schrecken davonkam.

Recht und staatliche Ordnung auf der einen, Anarchie und Terrorismus auf der andern Seite, so wollten die gestrengen Feierabendhistoriker in Frankfurt die Konfrontationslinie ins Geschichtsbuch abgepaust haben. Diese geschichtsphilosophische Deutung hat zwar eine betörende Schlichtheit für sich, nur leider stimmt sie nicht ganz. Im abschließenden Band der Briefe Max Horkheimers, der im Herbst, herausgegeben von Gunzelin Schmid Noerr, bei S. Fischer erscheint, findet sich - von der Zeitschrift konkret gerade vorabgedruckt - ein höchst merkwürdiges Dokument, das geeignet sein könnte, den Verfasser, eben Max Horkheimer, noch posthum zum Herausgeber gedachter FAZ zu berufen, falls da eine Stelle frei werden sollte.

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Ende September 1958 hatte Horkheimer aus seiner Sommerresidenz Montagnola seinem Freund "Teddie" einen Brief geschrieben, in dem es kurz gesagt um eine politische Säuberungsmaßnahme geht. Ein "besonders regsamer, tätiger Mensch", "begabt" zwar, aber voll der Schwächen wie "Mangel an gesellschaftlichem Verständnis", "Eitelkeit" sowie "Unfähigkeit zur Versöhnung mit sich selbst", soll möglichst rasch aus dem Institut entfernt werden. Der regsame Mensch, dies der Vorwurf des Institutsleiters, hat in einer Zeitschrift "sich vernehmen lassen, auf die wir keinen Einfluß haben" und nichts Geringeres als die Revolution propagiert. Dieser begabte, eitle und nicht furchtbar versöhnungsbereite Mensch war noch jung damals, 29 Jahre alt, Assistent bei Adorno und hieß Jürgen Habermas.

Die Zeitschrift konkret nimmt allerdings diesen kuriosen Brief wichtiger, als er ist, vor allem ist er nicht neu und unbekannt. Zum Beispiel zitiert aus ihm schon Rolf Wiggershaus in seinem monumentalen Werk "Die Frankfurter Schule", das bereits vor acht Jahren bei Hanser erschienen ist.

Interessant für die Gründungslegende der Bundesrepublik bleibt Horkheimers Brief dennoch. Habermas hatte Ende 1957 in einem Aufsatz für die Zeitschrift Philosophische Rundschau unter dem Titel "Zur philosophischen Diskussion um Marx und den Marxismus" für Horkheimers Begriffe etwas zu stolz seine frisch erworbenen Kenntnisse des frühen Marx ausgebreitet. Marx galt in den Fünfzigern als wenigstens so pornographisch wie heute. Ziemlich ratlos stochert Horkheimer nun in seiner ausführlichen Kritik der Kritik in Habermas' Aufsatz herum, findet Habermas, ein interessantes Tadelwort, "dialektisch", zu "immanent", spricht von "übersteigertem Idealismus" und daß es dem Assistenten des lieben Kollegen "an bon sens und an geistigem Takt" gebräche. Adorno glossiert die Scheltworte aus Montagnola mit Bemerkungen wie "das ist doch gut" oder "Hier bin ich mit Max einig" oder einfach nur einem Fragezeichen.

Die Wahrheit wird sein, daß Horkheimer bei der Lektüre des Habermasschen Aufsatzes mit dem dort "stets wiederholten Bekenntnis zur Revolution" ein arges Déja-vu erlebte. Habermas schmiegte sich in seinem damaligen Stil nicht nur an die verehrten Meister Horkheimer/Adorno an, er vertrat auch noch schamlos eine Hoffnung auf revolutionäre Veränderung, wie sie Horkheimer bis in die dreißiger Jahre selber gehegt hatte.

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