Im "Gasthaus zur Traube" zu Sankt Florian in Oberösterreich gibt es heuer eine extra schwarz geränderte Speisekarte. Innen sind die landesüblichen Leckereien angezeigt, beispielsweise "Essigwurst" für 45 Schilling oder "G'schmackiges Geselchtes mit frischem Kren und scharfem Senf, Gurkerl und Ei", auch genannt "Bruckner's Brettl'jause", für 78 Schilling.

Außen auf dem Umschlag kondolieren die Gastwirtsleute "Linda und Dietmar Till zum 100. Todestag von Anton Bruckner" mit einem kurzgefaßten Werkverzeichnis nebst Abdruck der fremdenverkehrsrelevanten Textstellen aus dem Testament des teuren Verblichenen: daß "mein Leichnam . . . zu injizieren, zu welchem Liebesdienst Herr Professor Paltauf sich bereit erklärt hat, und ist alles ordnungsgemäß zu veranlassen (Leiche 1. Klasse), daß meine irdischen Überreste in einem Metallsarg beigesetzt werden, welcher . . . unter der großen Orgel frei hingestellt werden soll, ohne versenkt zu werden".

Und jetzt, liebe Pilgerinnen und Pilger: Guten Appetit!

In der Stiftskirche zu Sankt Florian, im Gewölbe unter der Orgel, prangt unversenkt Bruckners monumentaler Gründerzeitsarkophag und hält Hof. Bitte keine Blumen darauf legen, er könnte rosten!

Eine alte Dame betet mit fester Stimme vor, ihre Gefährtinnen murmeln es nach: "Herr, wir danken Dir, daß Du uns und unserem Lande einen Anton Bruckner geschenkt hast." Da schwebt plötzlich aus Lautsprechern leise, leise das "Ave Maria" durch die kühle Gruft, das siebenstimmige! Nun müssen einige Frauen doch weinen.

Derweil herrscht darüber, im Kirchenschiff von Sankt Florian, fröhliches Treiben. Dicke Kabel werden verlegt, das Fernsehen ist da. Gleich be-ginnt das Konzert der Wiener Philharmoniker, ein "Friedenskonzert", sagt der oberösterreichische Landeshauptmann, der ein paar ausländische Diplomaten dazu eingeladen hat. Gegeben wird Bruckners achte Symphonie, der Dirigent ist Pierre Boulez.

Bitte, wer? Eine verwegene Kombination! Sogar das dicke Programmbuch wundert sich und druckt zum besseren Verständnis nicht nur das ganze schöne "Boulez-Profil" der Salzburger Festspiele noch einmal nach, sondern auch ein kritisches Boulez-Interview von Josef Häusler ab: "Was, außer dem Anfangsbuchstaben B, verbindet Pierre Boulez mit Anton Bruckner?"