Zur Begrüßung sagt er im Diskant "hallo". Olaf Tischmann, gehörloser Lehrer, hat in der Schule mit Erfolg die Lautsprache erlernt, so daß er vieles mündlich mitteilen kann, ohne gleich die Schrift zu Hilfe nehmen zu müssen.

Doch für diesen Nachmittag in seiner Hamburger Wohnung gesellt sich die Dolmetscherin Ulrike Walther zu uns. Sie wird aus der Gebärdensprache übersetzen, die Olaf Tischmann in atemberaubender Schnelligkeit mit seinen Händen formt. Er läßt die ausgestreckten kleinen Finger aneinanderstoßen, spaziert mit drei Fingern auf einer Hand und zeigt auf den Besucher. "Wie geht es dir?" übersetzt die Dolmetscherin. Ein Nicken mit gleichzeitigem Lächeln kommt als Antwort vom Besucher. Es ist eine mimische Ungenauigkeit im Ausdruck, über die Olaf Tischmann lachen muß. Aber immerhin braucht die Dolmetscherin dies nicht zu übertragen.

Vor einem Jahr hat er an der Hamburger Universität die Prüfungen bestanden. Jetzt ist Olaf Tischmann der erste gehörlose Sonderpädagoge in Deutschland. Doch für sein Referendariat mußte er ins Ausland gehen. Zur Zeit unterrichtet er am Landesinstitut für Hörgeschädigtenbildung in Graz Sport, Deutsch und Mathematik in der Gebärdensprache, der für Gehörlose natürlichen Sprache. Dabei, sagt Olaf Tischmann, sei es nicht selbstverständlich, daß er die Gebärdensprache beherrsche.

In der Schule wurde sie nicht unterrichtet und war verboten. Er lernte sie heimlich auf dem Schulhof, und immer wenn ein Erzieher in Sicht kam, hörten die Schüler schnellstens mit der Gebärdensprache auf, da sie sonst Strafen zu erwarten hatten.

Auch auf der Kollegschule in Essen, bis heute die einzige in Deutschland, an der Gehörlose Abitur machen können, war die Gebärdensprache verpönt. Viele Unterrichtsstunden waren vertan. Olaf sah die Mundbewegungen der Lehrer und verstand kaum ein Wort. Zwar beherrscht er das Lippenlesen ganz gut, doch sind viele Buchstaben, zum Beispiel das "b" mit dem "m", und somit viele Wörter leicht zu verwechseln.

So mußte er den Stoff in langen Nachmittagsstunden aus Büchern filtern, und ein Freund, ein wahrer Könner im Ablesen, erzählte Olaf im nachhinein in Gebärdensprache vom Unterricht.

In den Schulen wird bis heute die Lautsprache gelehrt, im Artikulationsunterricht wird sie den Kindern in mühsamen Einzelstunden beigebracht. Doch nur ein Drittel, geben selbst Anhänger dieser oralen Methode zu, erreichen ein lautsprachliches Niveau, das sie befähigt, sich verständlich auszudrücken. In jüngster Zeit probieren zwei Klassen in Hamburg den zweisprachigen Unterricht. Die Kinder erfahren die Gebärden- und die Lautsprache als Erst- und Fremdsprache, und entgegen der Furcht der sogenannten Oralisten sind die Kinder, die jede Minute gebärden, auch bei der Artikulation von Lauten mit Begeisterung dabei und lernen darüber die Schriftsprache.