In 78 Tagen um die Welt: Von Hamburg nach Sues

Rasend langsam

Und warum fragt mich heute niemand, wohin ich fahre? Sonst bin ich immer derjenige im ICE (Großraumwagen, erster Klasse), dem ältere Damen ihre Lebensgeschichte erzählen. Und immer fragen sie zuerst, wohin man fährt. Nur heute: Nichts! Niemand. Ausgerechnet heute.

"Sie werden lachen", würde ich sagen, "nach Ägypten! " Und dann würde ich ganz versonnen aus dem Fenster schauen, auf Norder- und Süderelbe, oder wie der Bahnhof von Uelzen vorbeifliegt oder auf die Lüneburger Heide.

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Aber das Reisen ist im ICE auch nicht mehr das, was es einmal war. Man kann zum Abschied nicht aus dem Fenster winken. Und wenn man einen Platz mit Gegenüber will, muß man das bei der Reservierung sagen. Neun Stunden später, ein anderer Zug, ich starre noch immer aus dem Fenster. Jetzt bin ich allein im Abteil.

Draußen spult das schweizerische Tourismusdepartement (oder wie das heißt) einen Fremdenverkehrswerbefilm ab: Menschen, die im Abendlicht in Flüssen baden, Segelboote auf den Seen. Felsen und Berge. Schindelfassaden, steile Dächer, grüne Matten. Und viele Schweizer Fahnen. Ich greife nach meinem Schweizer Messer : Es ist noch da. Orte wie Küßnacht am Rigi, dann rechts ein See, links ein See. Bahnhöfe wie aus dem Faller-Modellbaukatalog. Sogar eine Bauschutt-Recyclingfirma sieht hier putzig aus. Die Namen auf den Wegweisern kenne ich aus dem Straßenzustandsbericht: Flüelen, Göschenen. Für den Gotthardtunnel braucht der Zug 7 Minuten und 25 Sekunden. Und das ist lang, wenn draußen alles schwarz ist.

Dann Italien , das dritte Land heute. Italien, endlich wieder Italien! Für einen Teller Spaghetti müßte die Zeit in Mailand reichen und für ein Glas Rotwein. Doch gleich hinter der Grenze riecht es plötzlich verbrannt aus der Klimaanlage. Ein Schaffner geht durch den Zug und sagt etwas Italienisches. Es klingt wie "freno" und "guasto". Bremse kaputt. Im Schleichtempo geht's durch Monza . Um 23 Uhr halten wir in Milano Centrale, Gleis 3. Um 23 Uhr geht mein Anschlußzug von Gleis 14. Gut, daß italienische Züge nie pünktlich abfahren! Gut, daß ich nicht viel Gepäck habe!

"Scusi: Il treno per Brindisi?"

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