Die sexuelle Lust, wie wir Menschen sie erleben, versüßt vermutlich nur den höheren Lebewesen die Fortpflanzung. Bei der Paarung von Fischen oder Spinnen wurde jedenfalls noch nie ein Orgasmus beobachtet. Doch warum bereitet uns Menschen diese Tätigkeit überhaupt Vergnügen? Andere Erfolgskonzepte der Evolution, wie die Ausbildung der Lungenatmung oder der vier Mägen bei der Kuh, haben sich ja auch entwickelt, ohne daß sie je lustvolle Schauer verursacht hätten. Wenn Effizienz siegt, ist Spaß eigentlich überflüssig.

Immerhin kann man argumentieren, daß zumindest den Männchen das sexuelle Vergnügen einen evolutionären Vorteil bietet: Der erste, der einen Lustschauer empfand, wollte dieses Gefühl vermutlich so oft wie möglich wiederholen. Somit vermehrte er sich erfolgreicher als seine Konkurrenten, die dumpf und instinktgesteuert ihre sexuellen Pflichten erfüllten. Ein Teil seiner Söhne war mit viel Glück wiederum orgasmusfähig und damit wieder erfolgreicher im Nachwuchszeugen und so weiter.

Doch dieses Rechenmodell funktioniert nicht für Weibchen. Männliche Wesen haben eine unbegrenzte Zeugungskapazität. Ihr Fortpflanzungserfolg ist nur durch einen Faktor begrenzt: Die Zahl der paarungsbereiten Partnerinnen, die sie finden. Weiblichen Tieren sind bei der Vermehrung andere Grenzen gesetzt. Sie tragen nur eine limitierte Zahl von Eizellen im Körper. Die Trächtigkeit, das Stillen, die Aufzucht der Jungen ist harte körperliche Arbeit, die an den Kräften zehrt. Ein Weibchen könnte seinen Reproduktionserfolg also nicht dadurch erhöhen, daß es sich von möglichst vielen Männchen begatten läßt.

Warum also können die weiblichen Vertreter der Gattung Mensch und, wie man heute weiß, auch vieler Affenarten Orgasmen erleben? Welchen Vorteil könnte die erste Primatin gehabt haben, die einen Höhepunkt genoß?

Der amerikanische Evolutionsbiologe Steven Jay Gould hält die weibliche Lust schlicht für ein Nebenprodukt der offenbar vorteilhaften männlichen Lust. So wie Männer auch Brustwarzen haben, obwohl sie eigentlich nur bei Frauen nötig sind. Goulds Landsmann John Alcock glaubt dagegen, daß die weibliche Orgasmusfähigkeit unseren Urahnen dazu diente, die männlichen Partner einem Test zu unterziehen. Da die meisten Frauen - wie der Sexualforscher Kinsey nachgewiesen hat - nicht durch die einfache Mechanik des Geschlechtsverkehrs zum Höhepunkt kommen, ist die Hingabe des Mannes gefragt. Ein egoistischer Partner, der nicht das nötige Einfühlungsvermögen besitzt, ist vermutlich, so Alcock, auch ein schlechter Vater. Die Frau in der Urhorde fühlte sich also zu dem hingezogen, der sie auch bei der Aufzucht der Kinder unterstützte. Das erhöhte ihren Fortpflanzungserfolg.

Eine weitere, recht plausible Theorie stammt von der Biologin Sarah Hrdy. Auch hier ist der Kinderschutz die treibende Kraft. Wenn Sex einem Affenweibchen Vergnügen bereitet, wird sie ihn mit vielen Männchen ausprobieren. Eine Schimpansin etwa kopuliert vor einer Schwangerschaft im Durchschnitt 135mal mit wechselnden Partnern. Bei Schimpansen und anderen Affenarten sind Jungtiere häufig durch aggressive Männchen gefährdet. Die Kinder sind um so besser geschützt, so Hrdy, je mehr männliche Affen sich für den Vater halten. Denn den eigenen Nachwuchs bringen sie nicht um.