Stephan Hermlin, den die ZEIT als ein "Standbild der DDR-Literatur" beschreibt, ist auch weithin außerhalb der Grenzen des Landes bekannt: "Als Erbe des Bildungsbürgertums und militanter Kommunist", heißt es in der ZEIT, "hatte der Erzähler und Lyriker besonderen Einfluß auf junge Autoren, als Akademieberater wirkte er auf die Kritik ein, als Gesprächspartner großer Dichter wie Aragon und Neruda auf das Verlagswesen."

So einen klein und häßlich zu machen scheint also eine lohnende Aufgabe, und der Literaturkritiker Karl Corino unterzieht sich ihr mit Fleiß und Eifer.

Das beginnt mit einem Stück Familienforschung. Hermlin hat immer betont, daß er aus wohlhabender deutsch-jüdischer Familie stammt; Corino stellt nun fest, daß der eine Großvater ein rumänischer Jud' war und nicht einmal ein wirklicher Kaufmann, sondern ein kleiner Hausierer, und die schöne Mutter, die von Liebermann portraitierte, keineswegs einen englischen Background hat, sondern aus dem verachteten Stamme der Ostjuden kommt. Und, man staune, die deutschen Orden aus Weltkrieg Eins, die Vater Leder dem kleinen Rudolf, dem späteren Dichter Hermlin, dessen Buch "Abendlicht" zufolge als Spielzeug in die Hand drückte, seien von jenem keineswegs in blutigem Kampf erworben worden, da er, damals rumänischer Bürger, gar nicht zum Heer des Kaisers eingezogen werden konnte.

Es wäre müßig, den ganzen Haufen solcher Korinthen, die Herr Corino über dem Haupt des Dichters ausschüttet, noch einmal im einzelnen aufzuzählen, um die Lächerlichkeit dieser Denunziationen zu zeigen: genug. Corino versucht, Hermlins Ruf zu zerstören, indem er deutlich erkennbare Fiktion aus dessen Werk als autobiographischen Fakt ausgibt, um auf die Weise den Mann der Fälschung seines Lebenslaufs und der Ruhmrednerei zu zeihen - der alte Hütchentrick, bei dem Dichtung und Wahrheit zum Nachteil des so Angegriffenen vertauscht werden.

Wichtiger erscheint mir, zu fragen, wieso Hermlin gerade jetzt und auf diese Art attackiert und verleumdet wird.

Die Antwort ist unschwer zu finden. Demontiert man ein "Standbild der DDR-Literatur" wie Hermlin, so schmälert man den Ruf dieser Literatur überhaupt und nimmt den Ex-Bürgern des Ex-Landes, deren Selbstbewußtsein durch die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen dort sowieso gelitten hat, eine Identifikationsfigur.