Die Talk-Show am Nachmittag ist besser als ihr RufSeite 2/2
Exhibitionismus hier - Voyeurismus dort: Das beste ist, wenn wir ohne Wenn und Aber zugeben, daß diese Wünsche vorherrschen. Aber jeder, der ein bißchen drüber nachdenkt, muß einräumen, daß auch die hohe Kunst von diesen Impulsen gespeist wird. Weder die europäische Malerei, die religiöse ebensowenig wie die profane, noch die Plastik ist ohne den Reiz des nackten Körpers, ohne Zeigelust und Schaulust vorstellbar - dasselbe gilt für die Literatur. Man sollte mal eine Liste aller Meisterwerke aufstellen, die bei ihrem Erscheinen mit massiver moralischer Empörung oder gar mit der Zensur zu kämpfen und schon deshalb einen fulminanten Start hatten. Oder nehmen wir das Theater, den Tanz, das Kino: Wären Akteure und Publikum ohne exhibitionistische und voyeuristische Neigungen je zusammengekommen? Sicher, der große Unterschied zwischen Kunstwerk und Talk-Show besteht in dem höheren Formwillen, der das Werk adelt, während in der Show nur gequatscht wird. Aber bitte sehr, er besteht gerade nicht im Vorhandensein oder Fehlen von Zeige- und Schaulust. Man sollte sich endlich darauf einigen, daß beide nicht von vornherein verwerflich sind, sondern Bereitschaften darstellen, mit denen nicht nur Massenpresse und Fernsehen rechnen, sondern auch die Künste.
Bleibt die Frage, wie diese heiklen Neigungen ermutigt und befriedigt werden. Natürlich ist es verwerflich, wenn im Fernsehen ein Gast überrumpelt und gegen seinen Willen "geoutet" wird. Der aufgeklärte Voyeurismus wendet sich denn auch von solchen Szenen ab und erhebt berechtigten Protest. Man muß aber wissen, daß sie sich in unserm Fernsehalltag selten ereignen und daß die Kontrollen - in der Öffentlichkeit und in der Kollegenzunft - gut funktionieren, so daß kaum mal ein Sensationsjäger mit so was durchkommt. Bei den vielgeschmähten Nachmittags-Talk-Shows, die in der Regel sorgfältig vorbereitet und seriös durchgeführt werden, passiert es nicht, daß ein Gast "vorgeführt" wird. Die Schamschranken, die immer beschworen werden, wenn im Fernsehen allzu Intimes in Rede steht, sind in den vergangenen zwanzig Jahren erheblich gesunken. Es ist heute einem Jugendlichen nicht peinlich, im Fernsehen über seine Pickel oder seinen ersten Orgasmus zu reden, und die Privatheit oder die Trivialität eines Themas steht für ihn nicht quer zu der Verantwortung des Mediums. Für die Jüngeren ist Fernsehen keine Offenbarung mehr, sondern ein schlichtes Begleitmedium - es kann von Interesse sein, man will es nicht missen, aber es hat keine höheren Weihen und kommt als Verführer nur für Arme in Betracht. Sie, die Jüngeren, haben auch begriffen, daß das Fernsehen verschiedene Sphären von Öffentlichkeit herstellt und bedient und daß am Nachmittag, wenn sie ohne Scheu von ihren Pickeln reden, gerade nicht die pathetische "große" Öffentlichkeit mit Fritz Pleitgen und Daniel J. Goldhagen dran ist, sondern die Service-Station mit Ilona Christen, die ein wechselndes, auf Fragen des Alltagslebens eingestelltes, buntes Publikum anspricht.
Man mag in der Tatsache, daß die Hemmschwellen beim Reden über Intimstes gesunken sind, einen Kulturverlust erblicken - es gibt da sicher eine Kostenseite. Wahrscheinlich ist aber auch, daß Diskretion und Takt als Tugenden nicht einfach dahingeschwunden, sondern in neue Bezüge eingetreten sind. Man bedauert zum Beispiel die Prostitution des Geheimnisses, das einst über der Erotik geschwebt hat, will aber ungern wahrhaben, daß dieses Geheimnis auch eine repressive Funktion hatte und daß ein großer Gewinn in dem Freimut liegt, der das ganze alte Muckertum mit seinen Lügen und Drohungen - "Von Masturbation kriegt man Rückenmarkschwund" - hinweggefegt hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Bilanz hier positiv - zumal die Schamschranken ja nicht absolut, sondern nur kontextspezifisch gefallen sind und man zum Beispiel in dem anerkannten "Recht auf eine Maske", auf Verstellung und Spiel, einen neuen Respekt vor dem Innenleben der Menschen erblicken kann. Ein Auftritt im Fernsehen bedeutet heute eben nicht mehr viel, und eine Entblößung im TV-Familienkreis ist nicht schon gleich bloßstellend.
Für die Älteren gilt Fernsehen, wenn's auch ein kleiner Guckkasten ist, so doch als große Bühne, auf der Trivialitäten keinen Platz haben. Aber seit der Zulassung des Privatfunks stimmt diese Gleichsetzung von Fernsehen mit großer Öffentlichkeit nicht mehr. Und es ist letztendlich nicht einzusehen, warum die Printressorts "Modernes Leben", "Frau und Gesellschaft", "Vermischtes" und "Fragen Sie Frau Irene" in den elektronischen Medien keine Entsprechung haben dürfen. Diese Entsprechung ist da, sie erfüllt ihre Aufgabe im großen und ganzen nicht schlecht, und auch die moralische Bilanz - Stichwörter: Eitelkeit, Schlüsselloch - ist, der Lanzen wegen, die mit starker "Glaubwürdigkeit" bei Fliege, Christen, Schäfer, Meiser für die Toleranz gebrochen werden, mit ziemlicher Sicherheit positiv.
- Datum 11.10.1996 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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