Melancholie - so sagt man - sei Trauer ohne Thema. Melancholie könnte daher rühren, daß wir uns heftig drehen, ohne die geringste Ahnung zu haben, worum es sich dreht. "Ich bin ein Dichter", so sagt Rilke, "alles Ungenaue ist mir fremd." Kann man Melancholie erzeugen, ohne ungenau zu werden? Georges Perec kann. Das ist vielleicht das einzige kontinuierliche, stets unverkennbare Moment in seinem vielfältigen Werk: spielerische Genauigkeit auf wechselndem Grund.

"Schau mit beiden Augen, schau", dieses Zitat aus Jules Vernes "Michel Strogoff" steht Perecs umfangreichsten Buch, dem Roman "Das Leben Gebrauchsanweisung", voran. Und dann schaut er so, daß die Ordnung der Dinge sich heiter vor unseren Augen auflöst - die Dinge beginnen zu schweben. Perec geht der Ordnung der Ordnungen auf den Grund, macht sie durchsichtig. Daß die trivialste und sicherste Ordnung - die des Alphabets oder die der Zahlen - vollkommen beliebig ist, solche Beobachtungen von achselzuckender Tragweite versetzt Perec in magische Schwingungen. Unsere Ordnungen, das zeigt er, verdekken die Abgründe, denen sie entstammen. Das Alphabet buchstabiert nicht die Welt durch, sondern legt sich über sie als frei flottierende Zeichenformation ohne inneren Zusammenhang.

Klingt nach Strukturalismus, ist aber Literatur. Alle unsere Taxinomien und Listen, Verzeichnisse, Lebenskalkulationen und Strukturen wollen Beliebigkeit bannen und sind doch völlig beliebig.

Davon kann man auf verschiedene Weise erzählen. In der - neben Leiris und Sartre - vielleicht faszinierendsten Autobiographie des 20. Jahrhunderts, "W oder die Kindheitserinnerung", erzählt Perec (geboren 1936) Episoden aus seiner Kindheit, erzählt von der aus Polen nach Frankreich emigrierten Familie, dem früh im Zweiten Weltkrieg gefallenen Vater, von der im KZ vergasten Mutter.

Gegen diese geflüsterten Fragmente der Erinnerung setzt Perec grausame Gegenbilder einer fiktiven Olympiade auf einem fernen Archipel, eine Welt manischen und mörderischen Gewinnens und Verlierens, die brutale Utopie einer geordneten Welt.

Ordnung ist überall und manchmal bunt. An Italo Calvino hat Perec "Zweihundertdreiundvierzig Postkarten in Echtfarbendruck" geschickt - rituelle Feriengrüße. "Das Übliche befragen. . . . Wie soll man von diesen ,allgemeinen Dingen` reden oder besser, wie soll man ihnen hinterherjagen, wie soll man sie aufscheuchen, sie aus der Verpackung reißen, an der sie festkleben, wie soll man ihnen einen Sinn, eine Sprache geben: damit sie endlich von dem reden, was ist, von dem, was wir sind", heißt es in einem Text mit dem Titel "Annäherungen an was?".

Der Befragung des Üblichen und dem Öffnen der Verpackung dienen auch die ganz verschiedenartigen Stücke in dem jetzt auf deutsch erschienenen Werk "In einem Netz gekreuzter Linien". Es handelt sich um eine Sammlung kürzerer Arbeiten aus den Jahren 1976 bis 1982, die in verschiedenen französischen Zeitschriften erschienen sind. Dies und das - Perecs Spezialgebiet. "Betrachtungen über die Brillen" beispielsweise. Immerhin zwölf Seiten "methodischen" Räsonierens über die Brille - im allgemeinen, im besonderen (Perec trug keine Brille), über die Geschichte der Welt vor der Brille, über Reinigen und Platz der Brille, über Brillen heute und Gestelle.