Der Satz ist fast schon trivial - und bleibt doch im Gedächtnis haften: "Man kann nicht jedes Jahr eine Handvoll Genies und Meisterwerke entdecken." Wieso muß man? Als Heinrich Strobel ihn formulierte, 1964, wußte er, wovon er redete. Damals war er bereits achtzehn Jahren lang Musikchef beim Südwestfunk Baden-Baden, vor allem aber seit 1950 Programmverantwortlicher für die Donaueschinger Musiktage (für zeitgenössische Tonkunst) und kannte die Vorhaltungen: Er mußte eine Vorwärtsverteidigung formulieren - aber er durfte auch gleichzeitig nach Komplimenten fischen. Der Satz ist aktuell mehr denn je im fünfundsiebzigsten Jahr des Bestehens dieser Musiktage.

Genie? Meisterwerk? Der Satz verweist zunächst einmal auf die Tatsache, daß der doch schon von der Romantik uns bescherte Genie- Kult oder gar -Fetischismus zäh und selbst in ebendieser zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts noch lebendig ist. Was uns etwas zählt, ist, immer noch, das Große, Exorbitante, Singuläre, Atemraubende, Transzendente. Was aber ist uns groß, macht uns staunen, öffnet uns, läßt uns nachdenken? Womit? Warum? Und wen?

Nicht jedes Jahr? Der Satz beleuchtet ja durchaus keine für die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts typische Situation, im Gegenteil: Je weiter wir die Geschichte zurückverfolgen, desto spärlicher heben sich, bei aller Schaffensfreude der Bachs, Haydns und Mozarts, bei all der Fülle an barocken Kleinmeistern und höfischen Musikbediensteten, die inzwischen kanonisierten Genies und Meisterwerke ab. Der Blick jedoch in den Dokumentationsband, der soeben präzise zum 75. Geburtstag der Donaueschinger Musiktage herausgekommenen ist (Josef Häusler: "Spiegel der Neuen Musik: Donaueschingen" Bärenreiter/Metzler 495 S., 98,- DM), gestattet die Behauptung, daß dieser, nehmt alles nur in allem, in der ganzen Welt immer noch wichtigste Treffpunkt der musikalischen Avantgarde in jedem Jahr - wenn auch manchmal etwas verspätet - einen neuen Komponisten präsentierte, dessen Name und Werk bis heute Leuchtkraft behielten.

Das erste Nachkriegsjahrzehnt war da besonders günstig dran, konnte es doch Fixsterne an den Himmel heften: 1950 Klebe, 1951 Boulez und Henze, 1952 Stockhausen und BA Zimmermann, 1953 Nono, 1954 Cage, 1955 Xenakis, 1956 Berio, 1957 Carter, 1958 Raumkompositionen von Stockhausen und Boulez, 1959 Kagel, 1960 Penderecki, 1961 Ligeti. Seit 1968 werden übrigens, mit Tona Scherchen, Younghi Pagh-Paan, Violeta Dinescu, Babette Koblenz, Adriana Hölszky, Sofia Gubaidulina, Olga Neuwirth, auch Komponistinnen zur Ehre des Donaueschinger Podiums erhöht.

Wenn der deutsche Mensch seinen echten Stolz oder seine geheuchelte Betroffenheit öffentlich machen will, veranstaltet er einen Festakt.

Fünfundsiebzig Jahre Musiktage sind Anlaß genug für Politiker-Grußworte und Intendanten-Festreden, für geschönte Rück- und begeisterte Ausblicke wie dialektisch gedrechselte Selbst-Exkulpationen.

Anlaß auch für Reminiszenzen: zum Auftakt einen Satz aus jenem Streichquartett op. 16 von Paul Hindemith, das im Gründungsjahr 1921 uraufgeführt wurde und seinerzeit für alle Zeit den wenn nicht revolutionären, so doch reformierenden Charakter der Musiktage progammierte.