Diese Geschichte, immer wieder

Ein Gespräch mit dem Jugendliteraturpreisträger Mats Wahl

Mats Wahl ist - sieht man von Astrid Lindgren ab - der international erfolgreichste schwedische Jugendbuchautor der Gegenwart. Seine Karriere begann der heute 51jährige mit dem Verfassen unorthodoxer pädagogischer Bücher über sozial verwahrloste Jugendliche. Erfahrung hatte er genug: zwanzig Jahre Arbeit als Lehrer im Randgruppenmilieu.

1981 wurde sein erster Jugendroman in Deutschland veröffentlicht.

Inzwischen sind zehn Bücher bei uns erschienen, drei seiner 1995 publizierten Werke wurden in die Auswahlliste zum 40. Deutschen Jugendliteraturpreis aufgenommen ("Winterbucht", Anrich Verlag "Därvarns Reise", Hanser Verlag "Die Vasa" - zusammen mit Illustrator Sven Nordquist -, Carlsen Verlag). Insgesamt schrieb Wahl 33 Bücher, Theaterstücke und Drehbücher für Fernsehserien. Die Romanverfilmung von "Winterbucht" läuft seit Anfang des Jahres erfolgreich in den schwedischen Kinos. 1997 werden voraussichtlich zwei neue Bücher in Deutschland veröffentlicht: "Kleine Marie" - ein Roadmovie über eine Fünfzehnjährige, und "Emma und Daniel" - eine Liebesgeschichte.

Für "Winterbucht" erhielt er in der Sparte Jugendbuch den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Sehen Sie bei skandinavischen Jugendbuchautoren einen besonderen, einen offeneren Zugang zur Realität junger Menschen?

Ich lese nichts von anderen Autoren, die Geschichten über Teenager schreiben. Die Schriftsteller, die mich am meisten inspiriert haben, sind amerikanische. Ich begann mit Hemingway und Faulkner, und heute bin ich ein Fan der Schule der "Dirty Realists", wie etwa Jayne Anne Phillips, Richard Ford und Raymond Carver. Was ich so mag, ist, daß sie eine Story erzählen über das, was an der Oberfläche geschieht. Und wenn die Oberfläche beschrieben ist, kann man als Leser entdecken, was in den Menschen, im tiefsten Inneren ihres Gefühlslebens, geschieht. Ich liebe diese Haltung.

Ich mach' mir nicht viel aus Schreibern, die gern in die Seele der Leute vordringen und beschreiben, was sie dort finden.

Pflegen Sie Kontakt mit anderen Schriftstellern?

Nein, ich will sie nicht sehen. Für mich ist das ein großes Problem, daß es andere Autoren gibt. Wissen Sie, meine primitivste Phantasie ist, daß ich der einzige Geschichtenerzähler in der ganzen Welt bin. Es gibt keinen einzigen, der je eine Geschichte erzählt hat - außer mir. Und das ist natürlich total primitiv, aber so hätte ich's gern.

Die Frage erübrigt sich nun fast: Beeinflußt Sie aktuelle Jugendliteratur?

Ich glaube nicht. Das Allerbeste für junge Leute, das ich je gelesen habe, sind Swifts Geschichten über Gulliver, vor allem jene, wo er klein ist und die anderen Riesen sind. Und es gibt noch ein paar andere gute Storys für junge Leute. Natürlich ist "Huckleberry Finn" eine sehr, sehr gute Geschichte. Auch die "Schatzinsel".

Ich hab' sie als zehn- oder zwölfjähriger Junge entdeckt, und ich hab' sie seitdem sehr oft gelesen.

Können Sie etwas über Ihre "Kraftquellen" verraten?

Natürlich kann man da nichts sicher wissen. Wenn ich raten müßte, würde ich sagen: Was immer ich heute schreibe, es sind Geschichten, die sich in mir im Alter von drei oder vier oder fünf Jahren "zusammengesetzt" haben. Und diese Geschichten ähneln sehr archaischen Geschichten.

Zum Beispiel über Gefangensein und Sich-selbst-befreien-Müssen und über die Verfolgung durch sehr, sehr gefährliche Feinde und über den Kampf mit ihnen. Und dieses Szenario war Teil meiner Kinderspiele, bevor ich zur Schule kam. Was ich heute mache, ist, diese sehr alten, sehr kindlichen Geschichten - oder, wenn Sie wollen: sehr archaischen Geschichten - in ein anderes Gewand zu kleiden.

Dies ist also immer wieder der Kern von Geschichten, die in ganz anderer Zeit spielen?

Immer wenn ich ein Buch zu Ende geschrieben habe, bemerke ich, daß es schon wieder dieselbe alte Geschichte ist. Jemand hat meine Mutter gestohlen. Und ich habe sie zu retten. Und um das zu tun, muß ich gewöhnlich jemand umbringen. Das passiert immer wieder.

Und wenn ich mich entscheide, eine neue Story zu schreiben, vergesse ich gerne, daß ich sie vielleicht zwanzigmal vorher erzählt habe.

Sie sind inspiriert worden durch Literatur. Sicher auch durch Menschen, die Ihnen nahestanden.

Natürlich. Meine Großmutter - sie starb vor ein paar Jahren im Alter von 102 Jahren -, sie war eine großartige Geschichtenerzählerin.

In meinen ersten Lebensjahren lebte ich bei meiner Großmutter und meinem Großvater. Meine Großmutter erzählte mir eine Menge Geschichten, und sie erzählte mir dieselbe Story immer und immer und immer wieder, weil ich diese Story immer und immer und immer wieder hören wollte. Und dann gab es ein paar Schullehrer. Irgendwie waren sie, glaube ich, keine guten Lehrer, aber sie haben mir trotzdem etwas sehr Wichtiges gegeben, weil sie sehr klar verstanden, daß ich gerne Geschichten erzählte. Sie sahen das und sagten mir: "Du bist ein Geschichtenerzähler, Mats, du bist ein Geschichtenerzähler, und du solltest das entfalten!"

Nun haben Sie einen Beruf daraus gemacht. Wie bringen Sie die Geschichten zu Papier?

Das allererste ist, daß ich den Beginn der Geschichte in den Händen halte. Das kann etwas sein, was ich in der Zeitung gelesen habe, was ich auf der Straße hörte, oder als ich Milch kaufte. - Das ist der Beginn. - Das zweite: daß ich weiß, wie ich etwas über die Geschichte herausfinde. Ich untersuche sie also - und das tue ich mit meiner Phantasie, ich mache mir ein "inneres Bild".

Nach einer Reihe von Jahren hab' ich das wie einen Film in meinem Kopf, in dem ich die Geschichte sehen kann: Da beginnt sie, so entwickelt sie sich, und so endet sie. Und bevor ich nicht genau weiß, wie sie endet - und häufig: wie das letzte Wort lautet -, schreibe ich nicht. Und der dritte Teil ist das Schreiben. Ein Buch wie "Winterbucht", also 270 Seiten, schrieb ich in zehn Wochen.

Aber ich hatte es fünf Jahre in meinem Kopf.

Für wen schreiben Sie? Haben Sie eine bestimmte Vorstellung vom Leser?

Nein, ich achte nicht auf den Leser. Ich achte auf die Geschichte.

Wer sollte der Leser sein? Ist es ein Mann, ist es eine Frau, ist es ein Mädchen, ein Junge, ein begabtes Kind oder ein dummes Kind? Wer ist es? Also, wenn man sich mit dem Leser beschäftigt, hat man große Probleme. Ich glaube, für mich ist es so richtig: Die Story und nicht der Leser. Und wenn ich eine gute Story erzähle, wird sie ihren Leser finden.

Recherchieren Sie das Leben Jugendlicher?

Für eine ziemlich lange Zeit war ich ein sehr junger Mann. Zu lange, glaube ich. Und manchmal denke ich, ich bin immer noch ein zu junger Mensch. Obwohl ich 51 Jahre alt bin. Deshalb habe ich weit mehr Erfahrungen vom Jungsein, als ich je in meinem Schreiben nutzen kann. Und ich will zu diesem Zweck keinen weiteren Teenager sehen, weil ich nicht gebrauchen kann, was er mir erzählt.

Es kann doch aber sein, daß sich, zum Beispiel, die Sprache der Jugendlichen verändert hat, die Form, sich zu äußern.

Nein! Sehen Sie: Ob der Teenager diese oder jene Musik hört oder diese oder jene Jeansmarke trägt - darauf gebe ich nichts. Mich interessieren andere Dinge: Wer bin ich? Wo gehe ich hin? Wie werde ich meine Eltern los? Was passiert, wenn mich meine Eltern nicht unterstützen? Wen werde ich lieben? Was passiert mit meiner Sexualität? Wie geh' ich mit ihr um, wieviel Lust kann ich rausholen?

Und solche Sachen. Und wenn dich solche Sachen interessieren, dann brauchst du nicht zu wissen, welche Musik Leute hören oder ob sie so oder so sprechen.

Gibt es Widerstand gegen Ihre Geschichten? Gegen deren Offenheit?

Aber ja, zum Beispiel besonders in den Bibliotheken. Ich denke, vor ein paar Jahren waren Leute in Bibliotheken - und auch Lehrer - sehr besorgt wegen der Sexualität und Gewalt in einigen meiner Bücher. Natürlich wird es immer Menschen geben, die besorgt sind, besorgt über alles. Die pädagogische Kultur in Schweden ist sehr, sehr unsophisticated. Aber natürlich sind hier wie anderswo eine Menge Besserwisser am Werk, die dir erzählen wollen, daß du so nicht denken und so nicht reden solltest. Aber als Autor kann ich mir aus solchen Meinungen nichts machen.

Am Ende einer Geschichte: Haben sich die Leser gebessert?

Nun, ich denke, einige von ihnen lernen, während sie in der Geschichte leben. Ich weiß nicht, ob du danach irgendwie besser oder schlechter bist, aber wenn du was gelernt hast, dann ist das irgendwie keine schlechte Sache. So oder so.

(Das Gespräch führte Siggi Seuß in Mats Wahls

Stockholmer Atelier am 10. September 1996)

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    • Quelle DIE ZEIT, 45/1996
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