Sagen Sie, ist die ZEIT links oder rechts?" - "Sie ist wohl am ehesten liberal." So leicht kommt man bei Genc Pollo, dem Berater des Präsidenten von Albanien, nicht davon: "In welchem Sinne?"

- "Wohl in dem, daß sie ein breites Spektrum bietet und ganz verschiedene Strömungen darin zu Wort kommen." - "Auch Kommunisten?"

fragt der Berater freundlich nach. - "Doch, auch schon mal Kommunisten."

- "Und Faschisten?" - "Die wohl eher nicht." - "Ach so", sagt Genc Pollo, faltet die Hände vor dem Gesicht und setzt ein feines, wissendes Lächeln auf. Lange, sagt sein Blick, hast du deine Tarnkappe nicht aufbehalten.

In Albanien entgeht auch kein noch so Fremder der lauernden Frage, wo er einzuordnen ist: rechts oder links, Freund oder Feind, schwarz oder weiß. Und ein in Wien ausgebildeter Wissenschaftler wie Genc Pollo, der perfekt Deutsch spricht, Englisch, Französisch und Italienisch, erwartet genau so eine klare Antwort wie ein Bauer in den schwarzen Bergen des Nordens.

In Albanien stehen sich ein "Pinochet" und ein "kleiner Chruschtschow" unversöhnlich gegenüber, "roter Mist" kämpft gegen "Gestapo", und wer versucht, sich zwischen den Polen zu bewegen, wird von einer übermächtigen Energie auf diese oder jene Seite gezogen.

Statt auf neutrale Institutionen zu setzen, haben auch die Westeuropäer bei ihrer Unterstützung Albaniens auf dem Weg zur Demokratie die Wärme politischer "Freunde" gesucht und sich so der albanischen Polarisierung gefügt. Die Fehler waren klein, die Wirkung war groß: Die unspektakuläre Szene im Büro des Präsidentenberaters, die Frage nach der Loyalität, wurde seit 1991, dem Jahr der Öffnung, Hunderte Male abgespielt: mit Politikern und Diplomaten, Journalisten und Investoren, und kaum einer hat sich der Faszination von "Freundschaft" und "Treue", der Offenheit und dem Charme von Präsident Sali Berisha oder, wenn auch viel seltener, der entwaffnenden Hilflosigkeit und Empörung seiner "sozialistischen" Gegner entzogen.