Pierre Bourdieu hat den Lehrstuhl für Soziologie am Collège de France in Paris inne. Seit dem Algerienkrieg gehört der international renommierte Wissenschaftler zur unorthodoxen Linken seines Landes.

Seine bekanntesten Werke bei uns sind "Die feinen Unterschiede.

Eine Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft" und "Sozialer Sinn" (beide bei Suhrkamp).

In seinem Interview mit Hans Tietmeyer präsentierte Le Monde den Präsidenten der Bundesbank völlig zu Recht als den "Hohenpriester der D-Mark". Denn wir haben es hier mit Religion zu tun. Aus diesem Gespräch möchte ich nur eine einzige Passage kommentieren: "In allen europäischen Ländern geht es heute darum, Voraussetzungen für ein dauerhaftes Wachstum und Vertrauen für die Investoren zu schaffen, indem man die öffentlichen Haushalte unter Kontrolle bringt, das Steuer- und Abgabenniveau auf ein erträgliches Maß absenkt und die sozialen Sicherungssysteme reformiert . . ."

Im Klartext heißt das: Runter mit den Steuern für Investoren, bis sie auf Dauer für ebendiese erträglich sind weg mit dem welfare state, dem Wohlfahrtsstaat, und seiner Politik des sozialen Schutzes, die wie geschaffen ist, das Vertrauen der Investoren zu zerstören und ihr berechtigtes Mißtrauen zu wecken. Denn diese sind sich in der Tat sicher, daß die Verteidigung ihrer "ökonomischen Errungenschaften", will sagen ihres Kapitals, mit der Verteidigung der sozialen Errungenschaften der Arbeiter nicht vereinbar ist.

Und diese "ökonomischen Errungenschaften", die es um jeden Preis zu wahren gilt, und sei es, indem die mageren ökonomischen und sozialen Besitzstände der großen Mehrheit der Bürger im entstehenden Europa ruiniert werden, können den Fortbestand der sozialen Sicherungssysteme angeblich nicht überleben.

Ich fahre in meiner Lektüre fort: ". . . indem man die sozialen Sicherungssysteme reformiert und die Rigiditäten an den Arbeitsmärkten abbaut . . .