Ilse Aichinger Ilse Aichinger wird 75: Ein ZEIT-Gespräch mit der österreichischen SchriftstellerinSeite 9/14
ILSE AICHINGER: Ja.
ZEIT: Wissen Sie das nicht schon längst?
ILSE AICHINGER: Ich möchte es nachlesen, schwarz auf weiß.
ZEIT: Sie haben immer wieder gesagt, daß das Schweigen das ist, worauf alle Worte, die sie schreiben, zulaufen. Daß man sich selber und der Welt am besten Schweigen auferlegen sollte.
ILSE AICHINGER: Auch wenn man spricht, die Währung müßte gedeckt sein durch Stille. Früher hatte man dieses altmodische Wort Betrachtung, das meint: genau hinschauen und lange hinschauen. Immer durch dieselben Straßen gehen und warten, bis man etwas entdeckt. Ich bin nicht für Abwechslung. Ich reise nicht gerne. Betrachtung ist für mich ein äußerst wichtiges Wort. Zu Beginn mag es langweilig sein, weil man es nicht beherrscht. Später kann man erfahren, daß Geist in der Welt ist. Immer die gleiche kleine Menge.
ZEIT: Das Schweigen war auch Teil eines literarischen Protestes Ihrer Generation. Es sollte Mißtrauen ausdrücken, dem "bleichen Bürger" die Klischees aus dem Maul reißen, sollte aufklären, aufrütteln. Es war eine ästhetische Revolte, die es nicht nur in Deutschland gab. Während Sie an Ihrem Text "Aufruf zum Mißtrauen" schrieben, veröffentlichte Nathalie Sarraute in Paris ihre Aufsatzsammlung "Zeitalter des Mißtrauens". Man war überfüttert mit Worten und Zusammenhängen und reagierte darauf, mit Schweigen, mit der Negation jedes Zusammenhangs. Heute leidet der Autor eher an Unterernährung. Er sieht nirgends Zusammenhänge.
ILSE AICHINGER: Das Leiden dieser Zeit ist die Zusammenhanglosigkeit, auch der Familien. Man merkt es auch an den Bauten. Es ist eine schwache Zeit. Aber man kann nicht einfach drauflosschreiben und künstlich Zusammenhänge herstellen. Die Möglichkeit, im Zusammenhang zu schreiben, kommt sicher wieder. Im Augenblick kann man nur genau begreifen, daß keine Zusammenhänge da sind und daß alles von jedem einzelnen abhängt, von der Zuwendung jedes einzelnen zu fremden Schicksalen - das klingt jetzt etwas wie eine Heilsbotschaft.
- Datum 01.11.1996 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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