Am Anfang demonstrierten vor Michael Persingers Labor noch bibelfeste Glaubensbrüder gegen seine "dämonischen" Experimente. Doch inzwischen hat man sich an die merkwürdigen Versuche hier gewöhnt. Schließlich gibt es in der kleinen kanadischen Provinzstadt Sudbury, die vor allem vom Nickelbergbau lebt, genug andere Probleme. Daß hier, rund eine Flugstunde von Toronto entfernt, auch die vielleicht heikelsten Menschenversuche der modernen Hirnforschung stattfinden, scheint kaum jemand zu interessieren.

Reichlich ungeniert wagt Michael Persinger in der Neuroabteilung der Laurentian University , wovor die meisten Bewußtseinsforscher sonst zurückschrecken: Mit magnetischen Feldern bearbeitet er die Gehirne von Hunderten Versuchspersonen und studiert am lebenden Objekt die Manipulierbarkeit des menschlichen Denkorgans. Sein spektakulärstes Ergebnis dürfte dabei die Erzeugung mystischer Erfahrungen sein. So mancher Proband meinte, in Persingers Labor übernatürlichen Wesen oder Gott persönlich begegnet zu sein. Andere dagegen flohen entsetzt aus der Versuchskammer und sahen darin eher den Teufel am Werk.

All dies spielt sich in einer Umgebung ab, in der kaum jemand übersinnliche Phänomene vermuten würde. Die klotzig-häßlichen Hochhausblocks der Laurentian University erscheinen ebenso trostlos wie die zahllosen Bergbau-Abraumhalden rund um Sudbury. Wenig esoterisch wirkt auch Michael Persinger selbst: Der 51jährige Neurophysiologe vermittelt mit seinem scharfkantigen Gesicht, mit Brille, Nadelstreifenanzug und einer etwas steifen Förmlichkeit eher das Bild eines überkorrekten Beamten.

Sein Behavioural Neuroscience Laboratory findet sich im Untergeschoß der Universität und wirkt im Vergleich zu modernen Bewußtseinslaboratorien eher wie ein Hobbykeller. Einige veraltete Computer, Verstärker und ein EEG bilden die technische Ausrüstung. Die kleine schallisolierte Versuchskammer ist mit Möbeln eingerichtet, die vom Sperrmüll stammen könnten; inmitten von alten Teppichen und Kissen thront in der Mitte ein abgewetzter Polstersessel.

Hier finden also die bewußtseinserweiternden Versuche statt. Mit dunklen Brillengläsern, licht- und schallisoliert, nimmt der Proband auf dem Sessel Platz und bekommt einen leicht umgebauten Motorradhelm aufgesetzt. "Innen sind an jeder Seite des Helms vier Magnetspulen angebracht", erläutert Persinger, "und darüber spielen wir sehr schwache Magnetfelder ein, die etwa ein Mikrotesla betragen." Diese elektromagnetischen Signale entsprechen etwa einem Zwanzigstel des Erdmagnetfeldes, wirken allerdings wesentlich gezielter auf das Denkorgan ein. "Wir können dabei das Gehirn als seinen eigenen Verstärker benutzen und das Muster der Hirnströme zurückspielen, die wir zuvor mit dem EEG aufgezeichnet haben", erklärt der Hirnforscher, "wir können aber auch Signale einspielen, die wir am Computer künstlich erzeugen."

(26112 byte) Untersuchungsgegenstände

So weit die Technik. Die damit erzielten Wirkungen sind höchst bemerkenswert: Viele Versuchspersonen spüren unter Persingers Motorradhelm eine eigentümliche "Präsenz", so als ob plötzlich noch jemand in der Kammer sei. "Manche sagen, daß sie ihren Schutzengel fühlen oder Gott oder so etwas ähnliches", meint Persinger lakonisch. Kein Wunder also, daß viele diese angenehmen Phänomene gerne noch einmal erleben wollten. Aber es gibt auch negative Erfahrungen, wie Persinger zugibt. Daß jemand jedoch meine, dem Teufel zu begegnen, komme höchst selten vor: "Wissen Sie, das sind Extremfälle, wir sind jedoch mehr am allgemeinen Durchschnitt interessiert."

Die Erzeugung mystischer Erlebnisse ist freilich nicht das einzige ungewöhnliche Fachgebiet, mit dem sich der kanadische Doktor der Psychologie und Physiologie beschäftigt. Außerdem vertritt er auch eine höchst eigenwillige Ufo-Theorie. Persinger, der früher einmal Geophysik studierte, ist überzeugt davon, daß Ufo-Sichtungen auf natürliche Leuchtphänomene zurückzuführen sind, die in Zusammenhang mit Erdbeben auftreten. Dies versucht er durch großangelegte statistische Korrelationen von Ufo-Sichtungen und Erdbeben zu beweisen. Doch damit nicht genug: Könnte es nicht sein, so spekulierte er schon vor Jahren, daß die abrupten Schwankungen des Erdmagnetfeldes, ausgelöst durch tektonische Verwerfungen, auch das Gehirn beeinflussen und auf diese Weise Visionen oder andere mystische Erfahrungen hervorrufen?

(7168 byte) Dr. Persinger

Um diese Hypothese zu testen, setzte er in den vergangenen zehn Jahren über 500 Versuchspersonen seinen Helm auf. Meist handelt es sich um freiwillige Studenten, die für ihre Teilnahme an den Experimenten einen kleinen Bonus für ihre Examensnote bekommen. Vor Nebenwirkungen und Langzeiteffekten seiner gewagten Experimente hat Persinger keine Angst. "Bei neuen Entdeckungen haben wir immer das Risiko des Unbekannten. Aus theoretischen Gründen scheint es jedoch keine Nebeneffekte zu geben. Und die empirischen Daten zeigen, daß selbst Langzeitbehandlungen mit intensiven Magnetfeldern ein relativ kleines Risiko bergen. Überdies versuchen wir nur das zu imitieren, was das Gehirn von alleine tut. Und ich denke, je eher uns das gelingt, um so kleiner ist das Risiko."

Seine Vorsichtsmaßnahmen bestehen beispielsweise in einigen einfachen Koordinationstests und einem Fragebogen, den die Versuchspersonen vor der elektromagnetischen Stimulation ausfüllen müssen. Damit will Persinger das Persönlichkeitsprofil seiner Probanden erforschen und vorab mögliche Risikofaktoren klären: Denn schließlich funktionieren seine Versuche am besten bei Menschen mit besonderer Sensibilität im sogenannten Temporallappen - im Extremfall kann so eine Sensibilität allerdings auch zu Epilepsie führen.

Um diesen Zusammenhang zu erforschen, hält Persinger in seinem Keller auch über 500 Versuchsratten. Bei einigen induziert er mit chemischen Drogen epileptische Anfälle und untersucht dann den Einfluß von Magnetfeldern auf ihr Verhalten. "Während eines epileptischen Anfalles ist das Gehirn elektrisch sehr labil und sensibel. Durch die Anwendung von elektromagnetischen Feldern können wir das Ausmaß des Schadens beeinflussen." Daneben versucht Persinger, die Gedächtnisleistung von Ratten oder ihre Aggressivität durch entsprechende Magnetbestrahlung zu verändern. Dabei ließen sich beachtliche Effekte erzielen, meint er und bedauert, daß die meisten Forscher von solchen Zusammenhängen offenbar nichts wissen wollten.

Bei den Fachkollegen findet der Neurophysiologe aus Sudbury jedenfalls bislang nicht den rechten Anklang. Viele Bewußtseinsforscher sind vom naßforschen Vorgehen des Kanadiers eher entsetzt. Und die britische Psychologin Susan Blackmore, die sich die Erforschung parapsychologischer Phänomene zum Ziel gesetzt hat (siehe auch ZEIT im Internet Nr. 36/1996 ), meinte nach einem Selbstversuch in Persingers Labor, das sei das Riskanteste gewesen, was sie je mitgemacht hätte. Nacheinander durchlebte sie intensive Zustände von Ärger, Wut und Angst, und als sie schließlich die Kammer verließ, "da fühlte ich mich für Stunden schwach und desorientiert".

Zu Recht warnt Susan Blackmore davor, daß niemand die Langzeitwirkungen der Anwendung von magnetischen Feldern auf das Gehirn kenne. Der von seiner Forschung besessene Persinger macht sich darüber jedoch wenig Sorgen. "Ach wissen Sie", wiegelt er ab, "wenn jemand stundenlang vor dem Fernseher sitzt, dann ist er hinterher auch benommen."

In der Abgeschiedenheit seiner Provinzuniversität geht Michael Persinger derzeit mit seinen Experimenten jedenfalls schon in die nächste Phase. "Mit dem sogenannten Oktopus können wir das Magnetfeld um den ganzen Kopf rotieren lassen und erzielen damit noch stärkere Effekte", sagt er und zeigt einen mit Klebeband umwickelten Kranz von acht Magnetspulen, der den Probanden über den Kopf gestülpt wird. "Hinterher sind die Leute allerdings wirklich benommen, und manchmal verlieren sie sogar das Bewußtsein."

Wenigstens überwacht er die Hirnveränderung mit einem EEG. Für alle Fälle bekommen die Versuchspersonen überdies die Telephonnummer des selbsternannten Hirnexperten mit nach Hause. "Wenn es Komplikationen gibt, können sie mich jederzeit danach anrufen."

Der Autor muß an dieser Stelle gestehen, daß er dankend auf einen Selbstversuch verzichtete.