Auf kaltem Fuße
Die Erkenntnis bricht sich von der linken Zehenspitze her Bahn: Da ist sie wieder, die lausige Jahreszeit, da sich die Menschheit, unüberbrückbar, in zwei Sorten von Wesen spaltet: die mit warmen und die mit kalten Füßen.
Erfahrungsgemäß bilden die Warmfüßler eine Gruppe von Ignoranten, ständig in dem Irrglauben befangen, ihr Befinden sei ganz selbstverständlich.
Die Kaltfüßler hingegen sind sich ihrer besonderen Wesenhaftigkeit ständig gewahr, sie empfinden ihren Zustand als keineswegs normal.
Im Sommer mag ihnen das noch gelingen. Spätestens im Oktober aber wird sich der Kaltfüßler seiner Identität schmerzlich bewußt.
Mittels diverser Utensilien versucht er zunächst noch, die Gattungszugehörigkeit zu leugnen: kratzende Wollsocken, gefütterte Stiefel, heiße Fußbäder, Wärmflaschen im Bett. Alles vergeblich. Im November kommt es regelmäßig zum Coming-out: Jawohl, ich bin . . . war es schon immer.
Allein dieses frühkindliche Ausharren auf Rodelbahnen mit schmerzverzerrtem Gesicht, diese Nachmittage auf der Eisbahn, wo alles unterhalb der Kniescheibe zu fühlloser Masse gefror. Ein Trauma fürs Leben.
Jahre später dann, in pubertierender Zweisamkeit, die entsetzten "Huchs" des Angehimmelten beim ersten vorsichtigen Fußkontakt.
Noch später - in eheähnlicher Trautheit - bei vergleichbarer Gelegenheit der vorwurfsvolle Blick: "Brrr, wie hast du das denn schon wieder gemacht!"
Welch Unverständnis allein in diesen Worten: Kalte Füße macht man nicht, man kriegt sie auch nicht, man hat sie. Als Kaltfüßler wird man geboren, und zwar grundsätzlich im falschen Land. Menschen mit warmen Füßen mögen sich überall zu Hause fühlen, Kaltfüßler leben ständig im Exil, immer in der tragischen Gewißheit, als Säugling aus südlichen Breiten verschleppt worden zu sein. Welch grandiose Fehlleistung der Natur, einen Teil der Menschheit mit falsch temperierten Füßen ausgestattet zu haben. Diskriminierend für ein ganzes Leben, in dem schon die bloße Erwähnung der Worte Skilift oder Seidenstrümpfe Phobien auslöst.
Jedem Warmfüßler steht es mühelos frei, sich mit wem auch immer zu verkuppeln. Dem Kaltfüßler ist dies auf ewig verwehrt. Seinesgleichen würde er sich nie auf Hautfühlung nähern. Er braucht den Warmfüßler zum Überleben. Das schafft Zweckbindungen, ja Hörigkeit, fälschlicherweise auch Liebe genannt - geht es doch um nichts anderes als die schnöde Teilhabe an ein paar Grad höherer Körpertemperatur.
Besorgte Mütter versuchen noch, derlei Bindung an den erstbesten Warmfüßler zu vereiteln. Dreifach verstärkte Wollsocken werden gestrickt, pinkfarbene Bettschuhe gehäkelt, so verführerisch kleidsam, daß jedem Liebhaber nicht nur die warmen Füße einschlafen, während die Kaltfüßlerin sich hellwach im Bett wälzt - wer findet schon Schlaf mit zwei "Magnums" an den Sprunggelenken?
Nicht zu reden von all den hilfreichen Ratschlägen aus der mitfühlenden Umwelt: "Zieh doch dickere Socken an!" Oder: "Es gibt doch jetzt diese Thermostiefel." Als brächten es Füße nicht fertig, auch darin zu frieren. Schlimmer noch die Heimtücke lieber Kollegen: Längst überfällige Außentermine werden auf Tage mit Minustemperaturen geschoben, als dienstliche Einsatzorte kommen vorzugsweise tiefgefrorene Baustellen, zugige Weihnachtsmärkte und Fußballspiele mit Verlängerung und anschließendem Elfmeterschießen in Betracht.
Keine Selbsthilfegruppe, kein Unterschriftenkartell kämpft gegen diese lebenslange Ächtung, keine Krankenkasse übernimmt die Kosten einer winterlichen Evakuierung. Kein Artenschutzabkommen, kein Schreinemakers-Talk verspricht auch nur den Hauch von Verständnis.
So ist sie, die Welt. Kalt, lausekalt!
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 46/1996
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