Das große Sterben hinter der FrontSeite 5/7

Das Königreich Preußen hatte enorme Bevölkerungsverluste allein im ersten Pockenjahr 1871 starben an die 60 000 Menschen an den Pocken, im Jahr darauf noch einmal 66 000. Preußen büßte infolge der Pocken mehr als fünf Promille seiner Bevölkerung ein, Bayern nicht einmal ein Drittel davon. In den alten "Impfstaaten" - wie Baden, Bayern oder Württemberg - verlief diese Pockenepidemie längst nicht so dramatisch wie in den notorisch impfunwilligen Staaten.

Keine der bayerischen Städte erlitt Verluste von einem Prozent - selbst in Augsburg, wo die Zahl der Pockentoten mit 305 Opfern relativ hoch war, starben nur sechs Promille der Bewohner. Die kleine bayerische Stadt Mühldorf am Inn verlor während dieser Epidemie ihren Bürgermeister, auch er wurde ein Pockenopfer. Nürnberg, seit 1806 Bayern zugehörig, zählte im Verlauf dieser Epidemie 2120 Pockenfälle und 156 Tote, also eine Sterblichkeit von weniger als zwei Promille. Bei den Erkrankungen zählte man allerdings auch die einfacheren Fälle von Pocken und wohl auch die von Windpocken mit. Die niedrige Sterblichkeit ist sicher auf die bayerische Impfpflicht zurückzuführen.

Anzeige

Bezüglich der Pockenempfänglichkeit und der -sterblichkeit machte man im Nürnberg folgende Erfahrungen: Empfänglichkeit bestand selbst bei den Geimpften, und zwar bereits im ersten Lebensjahr.

Es erkrankten, mit anderen Worten, auch geimpfte Säuglinge und Kleinkinder unter zehn Jahren. Höher war allerdings die Empfänglichkeit der nur einmal Geimpften im zweiten und dritten Lebensjahrzehnt sie blieb dann auf dieser Höhe stehen bis etwa zum fünfzigsten Lebensjahr und fiel danach jählings ab. Wer sich allerdings als Fünfzigjähriger oder noch älterer Mensch dennoch die Pocken zuzog, dessen Prognose war schlechter als die eines jüngeren Geimpften.

Wer nicht wenigstens einmal geimpft war, zog sich die Pocken leichter zu als ein Geimpfter, und wer sie aus diesem Kreis bekam, dessen Überlebensaussichten waren deutlich geringer: Von den ungeimpften Pockenkranken starben während dieser Epidemie 39,3 Prozent, von den Geimpften hingegen nur 11,3 Prozent. Zwischen der Pockensterblichkeit der Männer und der der Frauen war kein Unterschied festzustellen.

Von den hospitalisierten Pockenkranken starben in Nürnberg elf Prozent - etwa ebenso hoch war der Anteil auch in Hamburg -, von den Zuhausegebliebenen jedoch fünfzehn Prozent, ein beträchtlicher Unterschied.

Die im Krankenhaus angewandte Therapie vermag den Unterschied nicht zu erklären. Pockenkranke brauchen Pflege, und diese einfache Pflege war vielleicht in einem Spital doch besser zu bekommen als zu Hause. Vermutlich waren die Pockenkranken, die das Übel in den eigenen vier Wänden auskurierten, auch die sorgloseren, die auch häufiger nicht den Schutz der Impfung gesucht hatten.

Service