Auf der Bühne des Marstalls von Putbus auf Rügen hatte der Musikkritiker des Tagesspiegels etwas entdeckt: ein "Textilunternehmen aus dem schwäbischen Metzingen", dem man gestattet hatte, "mit übermächtiger Produktpräsenz das Bühnengeschehen" zu dominieren. Wir hatten auch etwas, wenn schon nicht entdeckt, so doch mit heiterer Verwunderung erlebt: die Aufführung von Gioacchino Rossinis Oper "Guglièlmo Tell" in diesem Sommer.Und hatten es, au contraire, sehr bedauert, daß die Firma Hugo B., um es endlich in aller schleichwerbenden Deutlichkeit zu sagen, nur die Herren kostümiert hatte und nicht auch die Damen. Während nämlich der gehobene Einheitslook der Herren auch noch leise, aber spürbare Differenzierungen erlaubte (ein Oberton von Rechtschaffenheit am Rockaufschlag von Tell und seinen Freunden, ein Unterton von Faschismus am Revers von Gessler und seinen Gehilfen), war die Ausstattung der Damen von gnadenloser Trostlosigkeit. Umschlottert von naturfarbenem Nessel standen sie stumm oder barmten vor sich hin Klosterfrau Melissengeist hätte man ihnen reichen mögen.Wir aber möchten die These wagen, daß im Falle einer Gesamtausstattung durch das Textilunternehmen aus dem schwäbischen Metzingen die biedersinnige deutsch-helvetische Tragödie in eine andere Umlaufbahn hätte katapultiert werden können. Vorbei, vertan.Ein schöner Abend trotzdem, Rossini und Rügen, mit den Premierengästen vorwiegend aus Hamburg und Berlin, denen hoffentlich noch viele normale Besucher gefolgt sind.Auch Peter Littmann, der Herr des Hauses Boss, war gut gelaunt, grüßte rundrum und weigerte sich standhaft, eine Cremeschnitte vom Buffet mitzubringen, weil er das Salami-Baguette besser fand.Oder zog doch ein Wölkchen am Horizont seines Gemüts vorbei?Wegen der Nesselschwestern zum Beispiel?Oder wegen der Cremeschnitte ?Schwer zu sagen, denn an Peter Littmanns wohlgeordneten Gesichtszügen läßt sich kaum ablesen, was in ihm vorgeht.Eher schon, was ihn umtreibt. Zum Beispiel der Entwurf von übermorgen, nein, nicht vom Sakko, sondern vom Ganzen.Qualität und Erfolg, das sind zwei Begriffe, die immer wieder zur Kongruenz zu bringen für ihn das tägliche Geschäft ist.Daneben aber gibt es noch etwas anderes, was ihn treibt und herausfordert und was ein langjähriger Freund und Berater "die andere Qualität" nennt.Und weil Peter Littmann diese Herausforderung im Zusammenhang der bildenden Kunst nicht nur gesehen hat (auf Kunst zu setzen, ist zur Mode geworden wie die Herbstkollektion aus Metzingen oder Mailand auch), sondern damit hochprofessionell umgegangen ist, wurde ihm wohl in diesem Jahr vom Bundesverband Deutscher Galerien der Art Cologne Preis zugesprochen.Daß dieser Preis, ein Lob der Vermittler und nicht der Macher, zum Beginn des Kölner Kunstmarkts überreicht wird, versteht sich von selbst und bringt, gerade im Zusammenhang mit Littmann, die Ehre auf den Boden der marktorientierten Tatsachen. Mit denen muß nämlich der Herrenausstatter ebenso leben wie der Kunsthändler.Der Mann, sagen wir mal im Vorgriff auf Preisurkunde und Preisungsrede, hat sich verdient gemacht um die Präsenz der Kunst. Als Peter Littmann, der 1947 als Sohn eines Rechtsanwalts in Prag geboren wurde und mit einer guten Dosis von Literatur und Kunst aufgewachsen war, im Jahr 1968 die Tschechoslowakei verließ und nach Deutschland kam, war er mittellos und doch bestens ausgestattet mit sich selber.Ein Maschinenbaustudium hatte er zu Hause mit dem Diplomingenieur abgeschlossen, jetzt folgte, nach kleinen Umwegen des überlebenden Einlebens und einem Ausflug in die Philosophie, der Diplomkaufmann.Über die Textilien de r Girmes AG, Rosenthals Porzellan und Vorwerks Teppiche kam Littmann 1993 zur Hugo Boss AG, wo er zum Einstand auch gleich den Posten des Vorstandsvorsitzenden übernahm.Der erfolgreiche Betrieb, der von den beiden Brüdern Holy nach großen Eigenleistu ngen 1989 für ein paar hundert Millionen verkauft worden und auf Umwegen in den Besitz des italienischen Industriellen Pietro Marzotto gelangt war, wurde von Littmann in zwei (!)Monaten umgebaut. Vom Erfolg zur anderen Qualität.Das Angebot der Einheitsmarke Hugo Boss wurde aufgefächert in Hugo (die Klamotten für den jungen Kerl), Baldessarini (der Name des Chefentwerfers war ein Glücksfall als Signal für leichten Luxus) und Boss (der Anzug für den normalen Mann, oder, mit Littmanns eigenen Worten: "Für diese italienischen Anzüge braucht man einen Adoniskörper.Ein Boss-Sakko hingegen steht auch dem Durchschnittsmann mit Bauchansatz oder schmalen Schultern".Ja, so lieben wir unsere Män ner!). Die Firma florierte, entgegen der Prognosen und trotz einer insgesamt schlechten Marktsituation.Warum, das kann man in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen nachlesen und dann auch verstehen, warum Peter Littmann seit knapp zwei Jahren auf einmal in den Feuilletons und Kulturspalten ebenjener Zeitungen aufgetaucht ist."Kleider machen Beute", und "Boss wächst gegen den Branchentrend" heißt es da, und die Erklärung folgt auf dem Fuß: Die Wachstumsraten kamen aus dem Geschäft im Ausland.Nur zwanz ig Prozent der Ware wird noch in Deutschland produziert, der Rest rund um die Welt, in Osteuropa zum Beispiel, aber auch in Nordamerika, wo man mit Firmen auf Lizenzbasis arbeitet, Südostasien harrt noch der Eroberung. Die neuen Produzenten aber sind nicht nur die preiswerteren Lieferanten, sondern auch die neuen und zukünftigen Konsumenten.Und mit Blick auf den steigenden Auslandsanteil möchte Peter Littmann das Produkt durch die Aura der modernen Kunst nobilitieren.Vor knapp zwei Jahren hat er einen Sponsoring-Vertrag mit dem New Yorker Guggenheim-Museum geschlossen und nicht mit einem Museum in Berlin oder München oder Hamburg.Leider und verständlicherweise.Denn, das ist die Gütertrennun gsehe zwischen Kalkül und Kunst, diese Städte und ihre Museen liegen alle in Deutschland.Siehe Bauchansatz. Das Guggenheim-Museum mit seinem exzentrischen Architekturmonument in Uptown N.Y., seiner neuen Media Gallery in Downtown N.Y. und der venezianischen Dependance mit der Hinterlassenschaft der manisch Männer und Kunst sammelnden Peggy Guggenheim ist seit dem Direktorat von Thomas Krens so sehr auf internationalem Expansionskurs wie die Hugo Boss AG seit der Übernahme durch Peter Littmann.Zwei, die sich gefunden haben. Mit Guggenheim wurde ein Vertrag über eine Laufzeit von fünf Jahren abgeschlossen, in dem Littmann das Thema Sponsoring auf den Begriff der Partnerschaft gebracht hat.Nach dem Motto "Wir wollen etwas von dem Geld haben, das wir ausgeben" werden von Boss zwei bis drei große Ausstellungen pro Jahr, das pädagogische Programm des Museums und die Media Gallery durch die Einrichtung einer Hugo Boss Gallery unterstützt.Außerdem gibt es einen Hugo-Boss-Preis für zeitgenössische Kunst, der in diesem Ja hr zum erstenmal verliehen wird.Für die Metzinger Mitarbeiter hingegen gibt es Seminare und Workshops, einen Museumspaß, gelegentlichen Mitarbeiteraustausch mit New York, eine kleine Bibliothek mit Katalogen und Kunstbüchern, CD-ROMs und Guggenheim- Poster. Was kostet die Partnerschaft mit dem Museum?"Der Mensch legt seine Hybris ab mit der Kunst", sagt Peter Littmann und möchte, anders als beim Sakko, nicht alles auf die Frage des Geldes einengen. Und das Ablegen der Hybris ist in der Tat unbezahlbar.Aber auch wer das Unwägbare nicht einengen will, darf doch ein bißchen herumrechnen. Wenn von einem jährlichen Marketingetat von siebzig Millionen Mark auch nur zwei Prozent in die Kunst gehen, dann kann sich die Guggenheim Foundation freuen über immerhin 1,4 Millionen Mark. Hat die Hugo Boss AG wirklich etwas von diesem von Guggenheim in ihrem Namen ausgegebenen Geld?Wenn man im Glashaus in Metzingen im Schatten der Schwäbischen Alb zu Besuch ist, wo im Foyer ein McLaren Formel 1-Flitzer aus den Zeiten des Sport- und Rennsportsponsoring an der Wand klebt, wenn man die jungen Mitarbeiter herumschwirren sieht und einen Blick in die Produktionsräume wirft, wo am Fließband gerade ein halbfertig genähter Ärmel stehengeblieben ist, wenn man den Laden mit den Hausprod uktionen anschaut, in dem die Angestellten zu Sonderpreisen einkaufen können, dann begreift man schon die betriebspsychologische Wirkung dieser neuen amerikanischen Verwandtschaft. Und was den Rücklauf des Geldes betrifft, so spricht alles für Peter Littmanns Prognosen, der über nichts so anhaltend höflich schimpft wie über die Risikomuffel unter seinen deutschen Managerkollegen. Wenn es Nacht wird in Metzingen, dann flüchtet Peter Littmann. In der Regel nach Stuttgart, wo er wohnt.Manchmal geht es am nächsten Morgen weiter nach Witten-Herdecke, wo er den Studenten Marketing beibringt.Öfter in die weite Welt.Zum Beispiel nach New York.Klar, daß der Guggenheim-Direktor Thomas Krens in Köln die Laudatio auf Peter Littmann hält.