In seltener Einigkeit ließen sich die New York Times und die Bild-Zeitung von einer wissenschaftlichen Sensation mitreißen: Prähistorische Behausungen seien von Musik erfüllt gewesen, meldeten die beiden Blätter in den vergangenen Tagen. Zwei kleine Löcher in einem Bärenknochen reichten ihnen aus, ein Bild aus grauer Vorzeit so plastisch zu zeichnen, als seien die Reporter vor mehr als 40 000 Jahren selbst dabeigewesen.

"Nach einem harten Tag auf der Jagd entspannten sich die Neandertaler in ihren Höhlen und Unterschlüpfen gerne zum Klang von Musik", wie etwa die New York Times zu erzählen wußte. Mit einer kleinen Knochenflöte hätten unsere ungeschlachten Verwandten "den Ängsten, Hoffnungen und Freuden ihres prähistorischen Lebens Ausdruck gegeben". Schon glaubt der Leser zu sehen, wie sich zum Auf und Ab der Melodie die gewaltigen Augenbrauen des Spielers heben und senken. Selten waren uns unsere primitiven Vettern so nah, selten so menschlich.

Die Meldung ist keinem überhitzten Redakteursgehirn entsprungen, sondern basiert auf Wissenschaft. Ein Fund in Slowenien hat die urzeitlichen Raufbolde rehabilitiert. Die internationale Forschergruppe um Ivan Turk von der slowenischen Akademie der Wissenschaften entdeckte im Sediment einer Höhle einen kleinen Röhrenknochen, vermutlich vom Oberschenkel eines Bären. An sich kein sonderlich bemerkenswerter Fund. Doch sind da nicht auf einer Seite des Knochens fein säuberlich vier Löcher eingefräst? Und deutet das nicht auf eine Verwendung als Flöte hin?

So richtig entdeckt haben die Forscher zwar nur zwei der Löcher. Spuren an beiden Enden des Knochens interpretieren sie jedoch als Überreste weiterer Bohrungen. Vermutlich haben hungrige Tiere am Instrument genagt, spekulieren die Wissenschaftler. Sollten die Forscher recht haben, dann wäre der Schenkel mit einem Alter von mehr als 43 000 Jahren, vielleicht sind es gar 82 000, das älteste bisher bekannte Musikinstrument der Welt.

Schon glaubt der amerikanische Neandertaler-Experte Erik Trinkaus, der neue Fund könne wichtige Konsequenzen für das Verständnis der mysteriösen menschlichen Verwandten haben. Wenn die Neandertaler bereits Musik spielten, dann konnten sie vielleicht auch miteinander reden. "Ich kann mir keine Gruppe vorstellen, die bewußt Musik macht, aber keine Sprache besitzt", meint jedenfalls Trinkaus.

Mag sein. Vielleicht verändert der Fund tatsächlich den Blick auf die ferne Vergangenheit. Doch sehr viel mehr lehrt er uns über seltsame Gestalten der Gegenwart: die Wissenschaftler.