Dieter E. Zimmer: Das Institut für deutsche Sprache - im Bergwerk der Wörter
Was treibt man im Institut für deutsche Sprache, wenn keine Rechtschreibreform ansteht?
Hier ist der Ort, ein ehemaliges Spitalgebäude in der Mannheimer Innenstadt, Adresse: R 5 6-13, auf der einen Seite ein Parkhaus, auf der anderen schmucklose Wohnzeilen. Hier werkeln sie, die Germanisten, die, glaubt man manchen Polemikern der letzten Wochen, die deutsche Sprache an sich gerissen haben und nun, mit einer im verborgenen ausgeheckten verrückten neuen Rechtschreibung, das ganze Volk nach ihrer Pfeife tanzen lassen möchten. Hier also befindet sich das Institut für deutsche Sprache, das IDS - und zur Mythenbildung reizt auch die Tatsache, daß die Bürger draußen sich nicht so recht vorstellen können, was ein Institut für deutsche Sprache eigentlich treibt.
Jedenfalls ist es nicht, was viele sich wünschten: eine Sprachseelsorgestelle, die die Leute von ihren sprachlichen Skrupeln befreit; auch keine oberste Instanz wie die Académie Française, die vorschreibt, was sprachlich gut und richtig sein soll. Das 1964 auf Initiative von Hugo Moser von einer Gruppe von Hochschulgermanisten gegründete und heute als Blaue-Liste-Institut zur einen Hälfte vom Bund, zur anderen vom Land Baden-Württemberg getragene IDS ist schlicht die einzige zentrale Einrichtung zur wissenschaftlichen Erforschung der Landessprache - und wenn die Leute sich nicht vorstellen können, was zum Beispiel kontrastive Grammatik ist und warum es sie geben sollte, so ist damit nur das Dilemma aller Linguistik bezeichnet: Sie befaßt sich mit einem Gegenstand, von dem jeder meint, er sei ihm ganz und gar geläufig, dessen allgemeine Regeln aber niemand aus dem Stand anzugeben wüßte.
"Am Anfang hatte es das IDS nicht leicht", sagt Gerhard Stickel, der es seit zwanzig Jahren leitet. "Damals hat sich niemand außer den paar belächelten Dialektforschern um die deutsche Sprache gekümmert. Auch die Linguisten waren an allem mehr interessiert als an Deutsch, und schon gar am Deutsch der Gegenwart. Das IDS mußte erst seinen Platz in der Forschungslandschaft finden." Dieser Platz heißt: Forschungsprojekte von einer Dimension, die kein Lehrstuhl bewältigen kann.
Sprache ist ständig überall um uns her, aber wenn man sie untersuchen will und bestimmte Wörter, Wendungen und Satzkonstruktionen braucht, verflüchtigt sie sich. Am Anfang jeder wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Sprache steht darum schlicht das Sammeln: Zeitungen (als einzige laufend ausgewertet wird der heimische Mannheimer Morgen), Gesetzestexte, Romane, Gebrauchsanweisungen, auch Dialoge in verschiedenen Alltagssituationen werden systematisch durchkämmt und in den Sammelkasten eingeordnet, der im Fall der Sprache Korpus heißt. "Unsere gesamte Forschungsarbeit ist korpusorientiert." Da ist zum Beispiel das "Wendekorpus": über drei Millionen Wortformen aus den Jahren 1989/90, mit denen der politische Umbruch beschrieben wurde ("abwickeln", "plattmachen", "Runder Tisch"), zusammengetragen aus 3387 Texten, eine unbezahlbare Quelle für jeden, der einmal rekonstruieren will, was damals in Deutschland vorgegangen ist. Das schon vor sechzig Jahren begonnene Deutsche Spracharchiv im IDS mit seinen über 12 000 Tondokumenten (Bandaufnahmen von Gesprächen zur Dialekterforschung) ist das größte Archiv des gesprochenen Deutsch überhaupt. Die verschiedenen Korpora zählen etwa hundert Millionen Wörter; etwa siebzig davon können registrierte Wissenschaftler überall heute auch online durchforschen.
Überhaupt kann man nicht sagen, daß bei der esoterischen Übung nichts herauskäme. Gerade zum Beispiel befindet sich ein Mammutwerk im Druck, eine tausendseitige deutsche Grammatik. In der Erkenntnis, daß niemand je eine Grammatik durchliest, aber viele darin auf subjektiven Pfaden Auskünfte suchen und das Hypertext-Prinzip damit wie für sie geschaffen ist, wurde damit begonnen, sie ins Web zu transponieren: Grammis dürfte die erste volle Grammatik einer Sprache werden, in der man online recherchieren kann.
Mit drei Themen, sagt Gerhard Stickel, könnte das IDS jederzeit jede Menge Wind machen: Rechtschreibung, Fremdwörter, Dialekte (sterben sie aus?). Mit allen dreien befaßt es sich nur am Rande. "Es stimmt einfach nicht, daß bei der Reform eine Clique von IDS-Leuten am Werk war. Seit den sechziger Jahren hat das Institut eine kleine Kommission für Rechtschreibfragen. ,Fragen', nicht Reform. Als es 1987 den Auftrag der Kultusministerkonferenz erhielt, Reformvorschläge auszuarbeiten, hat es eine Gruppe qualifizierter Hochschulgermanisten in die Kommission berufen, auch aus Österreich und der Schweiz; nur zwei ihrer zehn Mitglieder gehören zum IDS."
Aber sollen überhaupt "anonyme Germanisten" über die Sprache verfügen? Gehört sie ihnen etwa? "Nein, natürlich nicht. Sie gehört allen. Aber Sprache ist nicht gleich Orthographie. Und Orthographie macht sich nicht von allein. Von Anfang an, seit dem Mittelalter, wurde sie immer gemacht, von den Schreibstuben, den Kanzleien, später den Schulbehörden. Und keiner von uns ist gefragt worden, ob er die Orthographie lernen wollte. Sie ist uns eingebleut worden, und zwar unter Druck, den über Fünfzigjährigen sogar noch unter Androhung oder Zufügung körperlicher Schmerzen. Vielleicht ist das ist der Grund, warum die älteren Dichter und Denker sie heute so ernst und wichtig nehmen."
Aber wurde nicht doch etwas falsch gemacht bei der Reform, zumindest bei ihrer Umsetzung? "Doch. Alle hätten wirklich mehr tun müssen, die Öffentlichkeit zu informieren und ihre Zustimmung zu gewinnen." Hätte sich nicht auch der jetzige Schlamassel vermeiden lassen, zwei Rechtschreiblexika, Duden und Bertelsmann, die die neuen Regeln auf verschiedene Weise interpretieren und uns damit irritierenderweise gleich zwei neue Orthographien eingebrockt haben? "Wahrscheinlich wäre es richtig gewesen, die Zwischenstaatliche Kommission, die die Rechtschreibregeln künftig präzisieren und fortschreiben und, wo nötig, auch nachbessern soll, gleich 1995 zu berufen, damit jemand da gewesen wäre, schon in der Vorbereitungsphase Entscheidungen zu treffen. Es hätte auch nicht geschadet, wenn die Wörterliste zum Regelwerk länger ausgefallen wäre - nicht 12 000 Wörter, sondern am besten 120 000." Dann wäre den beiden Lexika-Verlagen weniger Spielraum für Schlamperei geblieben.
Am meisten abbekommen in den letzten Wochen hat Klaus Heller. In ihm als dem IDS-Vertreter in der Rechtschreibkommission ist die Reform sozusagen am persönlichsten verkörpert; für Unmut und Protest ist Klaus Heller der leibhaftigste Adressat.
Er sieht es ähnlich wie Stickel: "Die Reform zeigt der Allgemeinheit, daß Rechtschreibung nicht von Gott gegeben ist, sondern ein Werkzeug, und das muß hin und wieder auf den neuen Stand gebracht werden. Man kann die Rechtschreibung weder festhalten noch völlig freigeben. Nötig ist, was ich dynamische Stabilität nenne: Die Schreibung bedarf einerseits der Stabilität, damit man sich über größere Zeiträume hin verständigen kann, und sie bedarf der Dynamik, damit sie nicht funktionsuntüchtig wird."
Rechtschreibung ist so ein Ding. Man lernt sie widerwillig, aber wenn man sie einmal gelernt hat, trennt man sich von ihr noch widerwilliger. Je näher man sich mit einem Wort befaßt, desto unsicherer wird man, wie seine ideale Schreibung zu lauten hätte. Wahrscheinlich gäbe es gar keine wirklich konsensfähige Orthographie. Auch die Experten, die an der Reform mitgewirkt haben, sind sich heute nicht alle grün; einigen geht sie nicht weit genug, andere finden sie zu flickenteppichhaft. Heller: "Mir selber paßt an der Reform auch das eine oder andere nicht. Aber es hilft ja nichts. Wenn sich so viele Wissenschaftler und Behörden zusammenraufen müssen, geht es nicht ohne Kompromisse. Besser, als einen Privatverlag stillschweigend Einzelfallentscheidungen treffen zu lassen, ist es allemal, wenn von jetzt an eine der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldende Expertengruppe systematische Lösungen sucht."
Und wie sind die Beziehungen zum Duden , der die deutsche Rechtschreibung bisher geregelt hat? Persönlich gut, sagt Stickel, institutionell etwas gespannt. Zu Anfang residierte das IDS im ehemaligen Gebäude des Dudenverlags, Paul Grebe vom Duden war einer der ersten Direktoren, und wenn man in Mannheim sagt, man arbeite am IDS, heißt es bis heute: "Ei, du schaffst wohl beim Duden." Bis in die achtziger Jahre zierte sich der Duden mit dem Vermerk "Im Einvernehmen mit dem IDS". Weil es ein etwas einseitiges Einvernehmen war, löste das IDS den entsprechenden Vertrag auf. "Unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Orthographie mußten wir dem Dudenverlag exklusiv überlassen; er mußte uns dafür nichts überlassen - er konnte dem Käufer mit ,3000 neuen Wörtern' winken, aber wenn wir wissen wollten, welches genau diese 3000 Wörter waren, dann war das ein Geschäftsgeheimnis."
Jedenfalls hofft man am IDS, daß sich der jähe Rechtschreibsturm demnächst legt und man sich wieder Wichtigerem widmen kann. Stickel überlegt sogar, ob das IDS nicht doch über seinen Schatten springen und den Linguistenhorror vor allem Normativen ein wenig dämpfen sollte. "Natürlich dürfen Chauvinismus und Gängelei in der Sprache nicht sein. Aber es geht heute ja darum, wie das Deutsche sich im Kontakt mit den anderen europäischen Sprachen bewährt, ob wir eines Tages alle ein Euro-Pidgin sprechen und Deutsch nur noch folkloristischen Wert hat, wie heute Plattdeutsch. Da wird man dann vielleicht doch manchmal sagen müssen, was an der Sprachentwicklung gut ist und was nicht so gut."
- Datum 08.11.1996 - 13:00 Uhr
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