Zwei Blickrichtungen in der Peep-Show: auf das Objekt der Begierde und auf die erigierten Körperteile, die sich dem Objekt entgegenstrecken. Jede Nacht entblößen sich vor meinem Webserver die Schwänze. Sie sind aus Suchausdrücken aufgebaut und finden sich in den elektronischen Protokollen, den Logdateien, welche die Datentransaktionen festhalten: "möse+ficken+porno"; "sex+porno+nackt+oral+anal".

An der TU Berlin läuft "Flipper" , eine Suchmaschine, die derzeit mehr als 207 000 deutschsprachige Web-Seiten erfaßt hat. Einschlägige Benutzerabfragen an dieser Stelle produzieren etwa zwei Drittel des Datenumsatzes auf meiner Adresse. Die Menschen, die im FlipperFormular "porno" eintippen und dann auf "Suchen" klicken, wissen in der Regel nicht, daß ihre Transaktionen aufgezeichnet werden. Dahinter steckt eine technische Eigenheit des Web. Jedesmal, wenn man eine Seite irgendwo im Netz aufruft, wird dort automatisch gemeldet, welche Seite man zuletzt gesehen hatte, mit anderen Worten: woher man gerade kommt.

Im Fall der Pornosucher, die bei mir landen, sind das die Seiten mit den Suchergebnissen, die ihnen Flipper geliefert hat und von denen aus sie sich zu mir durchklicken. Diese Seiten enthalten aber in der Adreßkennung immer auch die Wörter, nach denen gesucht wurde. Mein Web-Server registriert diese Kennung in seinen Logdateien, und ich muß sie nur lesen, um zu erfahren, bei welchen Suchanfragen Flipper auf meine Maschine verwiesen hat.

Einfach betrachtet, ist alles ein Mißverständnis. Ohne Ahnung von derartigen nächtlichen Vorgängen hatte ein Kollege die Karikatur einer keifenden Wienerin, die er bei mir ablegte, "Wüster Porno" genannt. Und unter meinen elektronisch verfügbaren Artikeln findet sich "Intimität in der Mailbox", ein Versuch über das Geschlechterverhältnis im neuen Medium.

Das Angebot visueller Informationen nimmt ständig zu, doch die Suchmaschinen im Internet beherrschen nur die alte Sprache, dank deren sie täglich ein gigantisches Volumen nutzloser Assoziationen produzieren. Eine Seite schmückt das Bild der Comicfigur Tintin. Sie wird all denen angeboten, die nach einer Software namens Tintin suchen. Eine andere Seite befaßt sich mit der Frage: "Haben Sie Lust, einige Fotos des Waldviertels zu sehen?" Abnehmer finden sie - Sie haben es erraten - unter "foto+bilder+lust".

Bekannte, die ihre Logdateien studieren, finden dieselben Verhältnisse. Die lauthals proklamierte Informationsschwemme scheint aus einer Masse zielloser Kreuz- und Querverweise zu bestehen. Neugierig geworden, versuchte ich selbst das Spiel. Das Resultat löste einen Lachkrampf aus. Unter den Hunderttausenden deutschen Web-Seiten, die auf Sexinhalte durchsucht werden, steht eine, die auf meinem Server ausliegt, seit zwei Monaten an erster Stelle: "Zeichnungen von Menschen" von Georg Brein . Die Berliner Suchmaschine kann zwar automatisch das Dateiformat von HTML-Seiten extrahieren; die Karikatur registriert sie korrekt als Graphik. Aber ihr Verfahren zur Bewertung relevanter Fundstellen scheint verbesserungswürdig.