Ruin im Reichtum
Obwohl seit zwei Jahren als Weltkulturerbe anerkannt, verfällt Quedlinburg weiter
Die vielen Butzen und Bollwerke einer großen Vergangenheit drücken den Quedlinburger Stadträten aufs Gemüt. Eigentlich könnten sie stolz sein auf ihre Stadt, auf das unversehrte, verschlungene Straßennetz des Mittelalters, auf rund 1200 Fachwerkhäuser und auf den Ehrentitel Weltkulturerbe, der im Dezember 1994 durch die Unesco verliehen wurde. Doch weil der kein Geld und kaum Touristen bringt, weil immer noch 350 der Häuser leerstehen und 130 die nächsten beiden Winter kaum überstehen werden, wenn nicht sofort die Restauratoren anrücken - deshalb sorgen sich die Räte, und ihre Insignien sind Kummerfalte und Leidensmiene.
Vor allem, weil ausgerechnet jetzt, da der Minister zur wichtigen Sitzung erwartet wird, draußen vor dem Rathaus das Volk steht.
Zweihundert Schüler prusten mit ihren Trillerpfeifen über den Marktplatz, und die Passanten stecken sich die Finger in die Ohren.
"Sport ist Mord, aber kein Sport ist auch Mord", steht in Krakeln auf einem kleinen Plakat, die Jugendlichen protestieren für eine "Dreifelder-Sporthalle". Die alte mußte geschlossen werden einem Neubau im nächsten Jahr hatte der Rat schon zugestimmt, doch dann kam die Enttäuschung: Bei der letzten Sitzung beschloß die Stadt, die 600 000 Mark lieber für die Denkmalpflege auszugeben.
Was nützt uns der alte Plunder, wenn wir hier nicht leben können, schimpfen die Schüler. So recht versteht in Quedlinburg niemand, wie dem Bürgermeister schwammzerfressene Bohlen und ausgeweidete Gefache, die hutzeligen Fachwerkhäuser des 17. und 18. Jahrhunderts, wichtiger sein können als die Jugendlichen, um die man sich doch kümmern müsse, weil sie sonst auf der Straße herumlungerten, nachts in den leerstehenden Häusern die Scheiben zertrümmerten oder gar wie 1992 ein Asylbewerberheim belagerten. Nur der Rat versteht noch, was er tut.
Das sei ein symbolisches Opfer, sagt der Oberbürgermeister Rudolf Röhricht, alle Welt solle sehen: Quedlinburg ist am Ende, hat für mehr als ein Drittel seiner Bürger keine Arbeit, hat die größeren Betriebe, die es vor der Wende gab, fast alle verloren, hat so hohe Schulden, daß der städtische Haushalt 1996 erst in dieser Woche genehmigt wurde. Eigentlich kann sich die Stadt sich selber nicht mehr leisten, so wie viele andere Kommunen in Ostdeutschland auch.
Quedlinburg braucht Hilfe: Und könnte sie aus Bonn und Magdeburg auch bekommen - darf sie aber nicht annehmen. Denn anders als in den letzten Jahren schafft es die Stadt nicht mehr, die geforderten zwanzig Prozent Pflichtanteil für die Sanierungskosten dazuzuschießen.
- Datum 15.11.1996 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 47/1996
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