Ruin im ReichtumSeite 4/4
Man habe sich zwar gefreut, daß Quedlinburg als Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde, und das bedeute wohl auch eine "moralische Verpflichtung" für die gesamte Nation, sagt Gerhard Eichhorn aus dem Bundesbauministerium. Doch an zusätzliche Finanzhilfen werde nicht gedacht die Direktförderung sei schließlich "verfassungsrechtlich ausgeschlossen". Auch Bernd Beckmann, Sachbearbeiter im Referat Denkmalschutzförderung des Innenministeriums, ist skeptisch: "Die in Quedlinburg werden doch mit Geld zugeschüttet", sagt er, "und müssen erst einmal lernen, mit dem Geld sinnvoll umzugehen."
Übersehen wird dabei, wie wichtig es wäre, das gesamte Leben in der Region stärker zu fördern. Jeder sechste hat seit der Wende die 25 000-Einwohner-Stadt verlassen, um im Westen nach Arbeit zu suchen. Nicht nur die Gebäude, auch das Zutrauen der Bürger bröselt - Quedlinburg braucht eine Werbekampagne, und zwar vor allem für die eigenen Bürger. Denn längst bauen sich viele ein Häuschen lieber im Nachbardorf, weil das dort billiger ist, man unter niedrigen Decken den Kopf nicht einziehen muß und sich die neue Couchgarnitur bequemer aufstellen läßt als in den winkelig-schiefen Fachwerkbauten. Natürlich braucht die Stadt Geld, doch mehr noch fehlen ihr zur Zeit viertausend Menschen, die sich für ein Leben im Weltkulturerbe begeistern. Ohne sie bleibt Quedlinburg nur der Ruin des Reichtums.
- Datum 15.11.1996 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 47/1996
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