Im westlichen Flandern, zwanzig Kilometer südlich von Ostende, liegt in einem Wäldchen der deutsche Soldatenfriedhof Vladslo.

Hier sind Gefallene aus dem Ersten Weltkrieg begraben. Etwa zwanzig Namen stehen auf jeder Grabplatte. Über tausend solcher Massengräber, in langen Reihen streng geometrisch angeordnet, allein auf diesem Friedhof. In den Zwischenräumen gepflegter Rasen, Rhododendron, Eichen, Gänseblümchen.

Zwei Standbilder aus hellem belgischen Granit, beinahe lebensgroß am gegenüberliegenden Rand des Friedhofsgeländes, fangen die Blicke des Eintretenden auf. Die berühmten Skulpturen von Käthe Kollwitz.

Das "Trauernde Elternpaar". Ihr bildhauerisches Hauptwerk, heute von Rissen und Sprüngen im Stein versehrt und durch Wind und Wetter in seiner Substanz bedroht.

Die beiden Figuren knien. Sich aufrecht haltend, ganz in sich gekehrt, der Mann. Tief gebeugt, die Augen auf den Boden gerichtet, die Frau. Steingewordene Trauer um all die Toten, die hier ruhen, kein Krieger-Helden-Kult im Geiste von Langemarck. Die Gesichtszüge sind die von Käthe und Karl Kollwitz. Zu ihren Füßen, ein paar Meter entfernt, liegt ihr Sohn begraben. Wo auf der Grabplatte sein Name steht, Peter Kollwitz, der militärische Dienstgrad Musketier und das Datum des 24.10.1914, zeichnet sich eine kleine, dunkle Stelle auf dem Stein ab: Viele hundert Finger haben im Laufe der Jahre die Inschrift berührt und mit der Zeit eine feine Tastspur gebildet: Da liegt er, der Sohn dieser Eltern.

Achtzehn Jahre lang hat Käthe Kollwitz an dem Denkmal gearbeitet.

Achtzehn Jahre, so kurz nur, hat Peter Kollwitz gelebt. Vor hundert Jahren, am 6. Februar 1896, ist er in Berlin geboren.