Die Wissenschaft nennt Tagträume "vorbewußtes Phantasieren", und sie hält sie für das Basismaterial der Poesie. Der Arbeitslose Bernhard Greif lebt in solchen Phantasien - in Selbstgesprächen, Vorstellungen, Tagträumen, die allerdings weniger poetisch sind denn ein zwanghaftes, buchhalterisches Hineinbohren in Normen, Ordnungen und Zeitpläne. Und er liebt die entsprechende Realismussprache, deren Jargon sich Jörg Steiners Erzählung "Der Kollege" in Greifs Namen zu eigen macht. Eine Portugiesin, die Bananenschalen zwischen Zeitungsabfall schmuggelt, heißt "Abfallsünderin". Die ganze Abfallorganisation des Mietshauses, in dem Bernhard Greif ein mageres Zimmer bewohnt, nennt sich "Entsorgen". Der Arbeitslose, Ausgemusterte liebt die Sprachregeln der verwalteten Welt, denn er lechzt nach der Normalität hinter dieser Sprache.

Bernhard Greif steht morgens pünktlich auf, macht sich fertig, verläßt das Haus und schlägt seine abgesteckten Wege ein. "Am Dienstag und am Donnerstag geht er durch die Elfenaustraße zum Bahnhof. Dort, wo das neue Postamt entsteht, bleibt er stehen.

Zur Zeit werden Eisenträger von einem Spezialkran aus dem Boden gezogen und auf andere schon aus dem Boden gezogene Eisenträger gelegt . . . Am Montag, Mittwoch und Freitag nimmt er den Weg durch die Pasquart-Allee, überquert die Ländtestraße und geht bis zum Seeufer."

Natürlich hat Greif eine kleine Meise. Wenn seine Krankheit einen Namen hätte, hieße sie "Wirklichkeitsdiebstahl". Denn die Wirklichkeit, an der Greifs Hirnarbeit so hängt, die Wirklichkeit der Hundebesitzer, die einmal jährlich Hundesteuer zahlen, die Wirklichkeit der Autotelephonbesitzer, der Eigenheimeigentümer und der Samstagsvorgartenbegießer - diese Wirklichkeit gehört ihm nicht. Sie gehört denen, die an die Arbeitswelt angeschlossen sind und aus einer Verdienstquelle schöpfen.

Jörg Steiners zweifelndes Erzählen ist ein ideales Instrument, um Greifs Räsonnieren darzustellen, dieses Schwanken zwischen entwendeter und angeeigneter Wirklichkeit. Wenn Greif abhebt und sich in fremdes Leben einspinnt, als wäre es sein eigenes, wechselt der Erzähler automatisch vom Indikativ in den Konjunktiv.

Und mit einiger Eleganz changiert die Erzählperspektive zwischen objektiver Schilderung und subjektivem Selbstgespräch, bis Innenwelt und Außenwelt stellenweise ganz ineinanderfallen.

Der Schweizer Schriftsteller Jörg Steiner schreibt gleichsam mit angezogener Handbremse. Große zeitliche Abstände liegen zwischen seinen Büchern, und auch in den Texten selbst geht es nicht flott und fließend, sondern eher ruckartig vorwärts. Schon auf den ersten Blick fallen die vielen, oft nur ein paar Zeilen langen Absätze auf, als bräuchte Steiner wirklich viele Pausen, nicht nur zwischen Buch und Buch, auch zwischen Satz und Satz, als müßte er immer wieder neu ansetzen. Jörg Steiner ist ein bedächtiger, nicht sehr marktfleißiger Autor, der die moderne Krankheit "Erzählzweifel" in allen möglichen Erscheinungsformen ausgetragen hat, bis hin zu ihrem härtesten Symptom, dem schriftstellerischen Schweigen.