Kunst Worpswede - Paris und zurück

Paula Modersohn-Becker: Eine Ausstellung als Plädoyer

Geboren wurde sie vor 120 Jahren. Sie starb 1907. Und junge Frauen reden heute von Paula Modersohn-Becker, als hätten sie gerade im Café nebenan mit dieser Schwester im Geiste Beziehungsprobleme und die schwierige Übung erörtert, wie man mit Männern leben und doch seine eigenen Ziele verfolgen kann. Ältere haben das vor zwanzig Jahren getan. Sie winken nun ab und sagen "bekannt" und meinen allesamt das gleiche: daß Leben und Werk der Künstlerin hinreichend abgehandelt seien, vom Worpswede-Zauber mal ganz zu schweigen.

Was zu kurz gesehen ist. Nicht allein des offenkundigen Interesses einer jüngeren Generation an der Gestalt der Malerin wegen, sondern auch, weil ein frischer, erfrischender Blick auf Säulenheilige nie schadet, ob sie nun der Kunst oder der Frauenbewegung oder gar beiden gehören. Eine Ausstellung in Bremen lädt gegenwärtig dazu ein und gestattet eine Revision der in nur knapp zehn Jahren entstandenen Arbeiten. Es ist eine Revision im wörtlichen Sinne.

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Man sieht etwas wieder, als authentisches Ereignis, nicht als Kalenderblatt.

Daß man auch manches anders, ja neu sieht, ist der überraschende Vorzug einer Zusammenschau, die ihre Entstehung unterschiedlichen Quellen verdankt. Die Ausstellung versammelt den Besitz dreier bremischer Institutionen - der Kunsthalle, der Kunstsammlungen Böttcherstraße (ehemals Sammlung Roselius) und der Paula-Modersohn- Becker-Stiftung mit Werken aus dem Besitz der Tochter Tille Modersohn.

Die Ausstellung findet in dem nach der Künstlerin benannten Haus in der Böttcherstraße statt, jenem expressiven Architektur-Ensemble, das der Bildhauer und Paula-Verehrer Bernhard Hoetger für den Mäzen Ludwig Roselius entwarf, der seinerseits einer der ersten Sammler der mit knapp dreißig Jahren Verstorbenen war.

Daß sich aus solcher Situation weiterhin Kapital im Sinne lokaler Besucherzahlen schlagen läßt, ist selbstverständlich. Nur geht es den Veranstaltern dankenswerterweise nicht darum, der einzigen mit Bremen verbundenen Künstler-Persönlichkeit von internationalem Rang wieder einmal eine Art Heimspiel zu verschaffen. Der Zusammenschluß der Sammlungen demonstriert, daß sich hier eigentlich der Bestand eines der Künstlerin gewidmeten Museums offenbart - was die Stadtregierung so noch nicht sehen wollte. Und er dokumentiert die erstaunliche Entwicklung eines Werks. Einen Zugriff auf Malerei und Motive von besonderer Originalität. Eine Bildsprache, die heutigen Sehgewohnheiten in ihrer lapidaren Entschiedenheit entgegenkommt und die sich in den Studienblättern und unprätentiösen Malkartons mindestens so intensiv zeigt wie in den hier präsentierten Hauptwerken.

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