Vertreter der Leidenschaft: Die "Direktwerber" trafen sich zum Kongreß in Wiesbaden
Ja, ich werde Millionär!
Herrn Bieber wird ganz warm ums Herz, wenn er nur an die Kongreß-Eröffnung denkt. War das ein Auftakt. Volles Haus im Saal 7 der Wiesbadener Rhein-Main-Hallen. Hunderte von Direktmarketing-Profis auf einem Fleck - alles Kollegen von Bieber. Dann seine Überraschung, wie ein Donnerschlag: fernöstliche Rhythmen dröhnen von der Bühne, vier Frauen in blütenweißen Gewändern trommeln auf ihre Instrumente ein. "Alles live" und alles umschwirrt von Discolichtern, umwölkt von Trockeneisnebel. Schließlich der Auftritt des japanischen Eröffnungsredners von der Firma Fuji. Lebhafter Applaus im Saal, Staunen und allgemeine Heiterkeit. "Das", sagt Herr Bieber mit hörbarem Stolz, "das ist Emotion-Marketing."
Bieber muß wissen, was er tut. Denn in der weiten Wunderwelt der Werbebranche erleben die Direktmarketing-Spezialisten derzeit eine steile Karriere. 23,3 Milliarden Mark Umsatz im Jahr 1994, Tendenz: steigend. Dabei machen die Direktwerber nichts weiter, als die werte Kundschaft eben direkt anzusprechen: per Post, per Fax, per Television - "Bitte bestellen Sie jetzt!" Nun soll Biebers "Emotion-Marketing" der Sache einen neuen Kick geben.
Was Biebers Marketing-Firma für den Auftakt der Dima 96 ersann, um das Jahrestreffen der deutschen Direktmarketing-Szene hübsch zu verpacken, soll künftig auch die Herzen der gemeinen "Reagierer", vulgo: Verbraucher, rühren. Soeben hat er das Schlagwort "Emotion-Marketing" zum Geschmacksmusterschutz angemeldet. Wenn die Masche bei seinen Kollegen zieht, den hartgesottenen Direktwerbern, dann ja wohl auch bei Lieschen Müller, so geht die Rechnung. Letztere hat der smarte Herr Bieber freilich ohne den Rest seiner Kollegen gemacht.
Denn die lieben es, ihre je ganz eigenen, "ganz persönlichen" Slogans und Werbestrategien unters bestellfreudige deutsche Volk zu bringen, um diesem die Herzen und die Brieftaschen zu öffnen. "Emotion-Marketing", "Future-Marketing", "Relationship-Marketing": so schrill wie das Wortgeklingel der Branche, so bunt gescheckt sind auch deren Vertreter.
Die sich selbst als die legitimen Nachfolger der altgedienten Von-Haus-zu-Haus-Verkäufer verstehen. In früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten wären die Direktwerber zweifellos als leidenschaftliche Marktschreier und Teppichverkäufer durch die Lande gezogen. Heute ersinnen sie Teleshopping-Spots für Bauchmuskeltrainer, Bestellkarten für limitierte Münz-Editionen und Kupons für Lotterielose: "Sagen Sie: JA, ich werde MILLIONÄR!" Alles wird vermarktet, was das Herz der Reagierer begehrt. Und die Werber werfen sich mit Wonne in ihr blühendes Geschäft. Ein jeder nach seiner Fasson.
So viel Leidenschaft erfreut das Oberhaupt der Sippe. "Leidenschaft" ist überhaupt eines der Lieblingswörter von Friedhelm Lammoth. Der neue Präsident des DDV, des Deutschen Direktmarketing-Verbandes , spricht auf seinen Seminaren vor den Novizen der Gemeinde gern von der "Emotionsbombe", die der Werber im Text detonieren lassen müsse. "Offenheit und Leidenschaft" fordert er prinzipiell von seinen Kollegen. "Wenn ich kein Feuer in mir habe, dann kann ich auch niemand anderes anzünden", mahnt er.
- Datum 22.11.1996 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1996
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