Warum ein Schweizer Professor in seiner Heimat eine Computerindustrie aufbauen will
Der sanfte Rausch der guten Idee
Anton Gunzinger ist Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH in Zürich und Jungunternehmer. Er fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, den Führerschein hat er nie gemacht. "Keine Zeit gefunden", sagt er.
Dem Geschwindigkeitsrausch erliegt Gunzinger nur auf dem Datenhighway. Für seine Entwicklungsarbeit im Bereich superschneller Computer hat ihn das Time Magazine vor zwei Jahren zu einem der hundert wichtigsten "Leader" des kommenden Jahrhunderts erkoren. Das Echo in den Schweizer Medien war gewaltig, die Boulevardpresse nannte ihn schlicht "ein Genie". Selbstbewußt gab der Bauernsohn aus dem Solothurner Jura öffentlich bekannt: "Ich möchte in der Schweiz eine Computerindustrie aufbauen." Vom begeisterten Bastler hatte er sich über eine Berufslehre als Radioelektriker, die Ingenieurschule, das Studium der Elektrotechnik und eine Dissertation über Parallelrechner an die Spitze der Entwicklung vorgearbeitet. Schritt für Schritt, beharrlich und zielbewußt. "Man beginnt zu marschieren. Dann findet man den Weg", ist einer seiner Leitsätze.
Vorerst besteht die Schweizer Computerindustrie aus drei Laborräumen in dem Technopark, der sich in einer alten Industriezone im Westen von Zürich angesiedelt hat, wo einst Turbinen und Lokomotiven gebaut wurden. Einer von fünfzehn Mitarbeitern von Gunzingers Supercomputing Systems AG sitzt am Bildschirm und testet die Hauptplatine eines GigaBoosters. So heißt der Vorzeigecomputer des drei Jahre jungen Unternehmens.
Sieben handelsübliche DEC-Alpha-Prozessoren sind in zwei Reihen auf der etwa fünfzig mal fünfzig Zentimeter messenden Platine angeordnet, jedes der Leistungspakete wird von einem Ventilator gekühlt. Dazwischengeschaltet sind einige Dutzend Gate-Array-Chips, sie bilden das "Intelligent Communication Interface", in dem Gunzingers eigentliches Know-how steckt. "Zum Patent angemeldet", sagt er. Und erklärt: Die meisten Parallelcomputer verschleudern Prozessorleistung durch den sogenannten Verwaltungseffekt - "obwohl mehr investiert wird, nimmt die Gesamtleistung des Systems ab. Deshalb implementieren wir die Verwaltung in Hardware und nicht in Software, wie das in der Regel gemacht wird."
Der Vergleich mit dem Wasserkopf von großen Unternehmen und öffentlichen Institutionen ist beabsichtigt. Denn Innovation, so ist Gunzinger überzeugt, geht von kleinen Unternehmen aus. Um seinem Konzept auch am Markt zum Durchbruch zu verhelfen, hat er seine Firma gegründet. "Wenn ich die Statistik des Schweizer Computerbaues anschaue, müßte ich sagen, die Wahrscheinlichkeit ist eins zu tausend, daß ich Erfolg habe", schreibt er in einer Broschüre. Doch: "Ich versuche es trotzdem. Ich kann das." Er will nicht der Versicherungsmentalität erliegen, die in der Schweiz so manche gute Idee erstickt hat.
Fünfzehn GigaBoosters sind bisher gebaut, zehn ausgeliefert, vorderhand vor allem an Forschungsinstitute, wo große Rechenleistung gefragt ist, wie etwa für die Simulation neuronaler Netzwerke oder die Auswertung von Videobildern in Echtzeit. Die Eidgenössische Materialprüfungsanstalt simuliert die Lärmbelastung rund um den Flughafen Zürich in drei Stunden statt wie bisher in drei Tagen. Die französische Firma Ibex portiert eine objektorientierte Datenbank auf den GigaBooster. Damit können alle Konstruktionsunterlagen von Schiffen oder Flugzeugen verwaltet und alle Änderungen automatisch nachgeführt werden.
Die Leistung des GigaBoosters ist denn auch verblüffend: 1,6 Gigaflops, also 1,6 Milliarden vielstelliger Multiplikationen oder Divisionen pro Sekunde. Der koffergroße Computer arbeitet damit bloß zehnmal langsamer als ein Großrechner für fünfzehn Millionen Mark, kostet aber beinahe hundertmal weniger und braucht tausendmal weniger Strom, nämlich nicht mehr als fünf Glühbirnen.
Anton Gunzinger packt zu und stemmt eines der knallroten Gehäuse auf einen Labortisch: Schweizer Wertarbeit aus verschweißtem Stahlblech. Farbe und Konstruktion sollen an die weltbekannten Klappmesser der Schweizer Armee erinnern: ein praktisches, robustes Werkzeug. Die Klappkonstruktion ist elegant in der Form und macht das Gerät zudem besonders wartungsfreundlich.
Entworfen hat das Gehäuse des "teuersten Taschenmessers der Welt" ein Schweizer Designer, hergestellt wird es in der Schweiz, ebenso wie die Hauptplatine. Die Endmontage ist Handwerk, Lötkolben stehen auf dem Tisch, ein Schraubstock ist aufgespannt, Schachteln mit Chips und Steckern türmen sich neben einem Oszillographen. Rund einen Monat Montage- und Testarbeit steckt die Firma nach Eingang der Einzelteile noch in eine Maschine. In einer Ecke summt ein GigaBooster leise vor sich hin. "Den können Sie nutzen, wenn Sie wollen. Über unsere Homepage auf dem Internet können Sie Rechenzeit buchen." Die Adresse: http://www.scs.ch/.
Zuverlässigkeit und Softwarekompatibilität seien hervorragende Eigenschaften des GigaBoosters, das hätten die zwanzig Teilnehmer am ersten Benutzerforum bestätigt, sagt Gunzinger. Die Maschine bietet eine normale Unix-Plattform mit Programmiersprachen wie C++ und Fortran, für die Parallelverarbeitung stehen verschiedene eingeführte Programmiertechniken zur Verfügung; die Portierung des Microsoft-Betriebssystems Windows NT ist geplant.
Hat die kleine Firma den großen Durchbruch am Markt geschafft? "Als Ingenieur und Entwickler bin ich Spitze, als Unternehmer habe ich es inzwischen zum Mittelmaß gebracht", sagt Gunzinger und lacht wie ein Lausbub. "Lachen", so scherzt er gleich darauf, "braucht weniger Energie als ein ernstes Gesicht." Zuerst wollte er seine Entwicklung Marketingspezialisten übergeben, doch das funktionierte nicht, "die Seele zum Produkt fehlte". Er mußte die Sache selber in die Hand nehmen, sich um Lohnabrechnungen und Steuerformulare kümmern und dabei lernen, daß das Vermarkten eines Produktes ebenso schwierig ist wie das Entwickeln. "Viele Kunden, vor allem im öffentlichen Sektor, haben Angst, mit einer kleinen Firma zusammenzuarbeiten. Es gibt Beamte und Manager, die lieber den fünffachen Preis für ein Produkt mit bekanntem Namen zahlen, weil sie das Risiko scheuen." Deshalb setzt Gunzinger vermehrt auf Zusammenarbeit mit anderen Firmen. Seit Anfang des Jahres ist er offizieller Partner des US-Riesen Digital Equipment, der die Prozessoren für seine Maschine baut. In Deutschland vertreibt ASE in München Gunzingers Rechner.
Flexibler werden soll auch die Architektur des Supercomputers. Gunzinger zeigt auf die Hauptplatine des GigaBoosters und bemerkt: "Viel zu groß, so würden wir das nicht mehr machen." Das Ziel sind skalierbare Parallelrechner, die entsprechend dem Leistungsbedarf aus einem bis 256 Prozessoren bestehen und entsprechend zusammengesteckt werden können, "nach dem Lego-System". Ein erstes Produkt dieser Art soll im kommenden Frühling auf den Markt kommen, mit einer Leistung von fünfzehn Gigaflops, jedoch nicht als selbständiger Rechner, sondern eingebaut in eine Anwendung in der Videotechnik als sogenannter "Embedded Supercomputer". Er könnte sich auch vorstellen, mit seiner Firma nur noch als Entwickler für andere Unternehmen tätig zu sein. "Dabei aber noch so viel vom Marketing verstehen, daß wir nicht übers Ohr gehauen werden."
Hat sich Anton Gunzinger also von der Vision einer eigenständigen Schweizer Computerindustrie bereits wieder verabschiedet? Er zögert mit der Antwort. "Was in Zukunft Arbeitsplätze schafft, sind doch die Inhalte, nicht die Technik. Die Menschen brauchen Inhalte, nicht Daten. Computer und Netze sind nur Werkzeuge." Erste Priorität sei das Überleben des eigenen Unternehmens. Im Geschäftsabschluß stehen gegenwärtig weder schwarze noch rote Zahlen, die Rechnung ist ausgeglichen. Ein Problem, an dem er gegenwärtig arbeitet, ist die Fehlersicherheit von parallelen Computern. Denn im Gegensatz zu andern gibt er freimütig zu: "Jeder Prozessor macht Fehler, etwas so Komplexes kann nicht fehlerfrei gebaut werden."
Gegenwärtig ist Gunzinger viel unterwegs, führt Gespräche mit möglichen Partnern in Deutschland, in den USA, in Japan, hält Vorträge. Er reist ohne Notebook und Handy, arbeitet im Zug und im Flugzeug mit Notizblock und Bleistift, denn er schätzt Zeiten der Ruhe; dem Wahn universeller Erreichbarkeit erliegt er nicht. Schon als Kind versteckte er sich manchmal in einer Höhle in den heimischen Jurabergen, schaute in die Welt hinaus und dachte über sie nach. Einmal im Jahr zieht er sich auch heute noch in ein Kloster zurück, zur Meditation, zur Entspannung, zum Finden neuer Ideen oder einfach, um "die Welt und mich selber besser zu verstehen".
Vielleicht ist das der Schlüssel zu der heiteren Ruhe und Gelassenheit, die er ausstrahlt, obwohl er als Unternehmer in einem der härtesten Märkte des Computergeschäfts tätig ist, in dem selbst Seymour Cray, der Altmeister der Supercomputer, Konkurs gemacht hat. "Was wir hier machen, ist ja gar nicht so wichtig. Das ist wie Schrauben vergolden." Eben ist Anton Gunzinger von Gesprächen in Krakau zurückgekehrt, tief beeindruckt von Kultur und Geschichte der Stadt, an deren Universität einst Kopernikus studiert hat. "Da geschah Weltgeschichte, da ging es um Millionen von Menschen und Schicksale, um Leben und Tod, nicht bloß um ein paar Millionen Umsatz." Trotzdem schreitet er weiter auf seinem Weg voran, denn "Computer bauen ist mein Job".
- Datum 22.11.1996 - 13:00 Uhr
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