Niklas Luhmann ist ein Stiefkind der Massenmedien. Jetzt hat der Bielefelder Soziologe es ihnen gezeigt. Er hat sie beobachtet.

Wenn Luhmann etwas beobachtet, dann macht er es gründlich. So hat der studierte Jurist, wer hatte anderes erwartet, den Massenmedien gleich ihre Verfassung erklärt; ihre Funktion definiert und ihre Selbstmißverständnisse korrigiert.

Seit mehr als zwanzig Jahren liefert Luhmann den deutschen Wissenschaften die Vokabeln, erklärt ihnen die großen Zusammenhänge: das Rechtsund das Wirtschaftssystem, die Religion, die Liebe und die Kunst. Neuerdings sind es die Massenmedien. Die aber sind, und das macht die Sache prekär, selbst Beobachter des Lebens. Und diesmal entdecken sie Niklas Luhmann.

Das neue Werk "Die Realität der Massenmedien" ist ein Verkaufserfolg; so ungewöhnlich, für ein kompliziertes Theoriebuch, daß der Verlag darauf zunächst gar nicht eingestellt war. Durch Luhmanns Analyse verunsichert, fragen sich ungezählte Journalisten: Stimmt es, daß die Massenmedien die Realität, über die sie informieren, gar nicht vorfinden, sondern erzeugen?

Die Aussage des Meisters ist unmißverständlich: Massenmedien informieren nicht über eine vorgegebene Realität. Na bitte, werden jene Kritiker des Mediensystems sagen - die Luhmann "Therapeuten" oder "Selbstverdächtiger" nennt -, das Fernsehen und die Zeitungen stellen die Wirklichkeit schief dar. Doch auch von "Verzerrungen" und "Verfremdungen" will der Beobachter nichts hören.

Was wäre denn dieses etwas, das wir "verzerren" oder "verfremden"? Was beispielsweise war der Golfkrieg denn wirklich? Wenn schon kein digitales Spektakel, kein Showdown wie ihn CNN uns bescherte, was dann? Fehlte uns die Kehrseite des Krieges, die geforderten Leichen, Trümmer und Verletzten nicht einfach nur, "weil dies der durch die Medien selbst aufgebauten Vorstellung, wie ein Krieg auszusehen hat", entsprochen hätte? Die Realität der Massenmedien, lautet Luhmanns These, wird von ihnen selbst konstruiert.